Liebes Tagebuch,
Nun bin ich auch endlich im neuen Jahr angekommen, und diesmal ohne Probleme (mal abgesehen davon, dass es saukalt ist). Ich bin doch nicht in die Tropen geflohen (und der tägliche Blick auf die Asienkarte beweist es immer wieder, ich BIN in den Tropen), um hier 13°C und Nieselregen zu erleben. Das kann ich ja nun auch wirklich in Deutschland haben. Und da gibt es zumindest Heizungen und Isolierglas und Glühwein (dem ich ja eigentlich abgeschworen hatte, aber so langsam…). Motzmotzmotz… angeblich der kälteste Winter seit 50 Jahren, was für eine Freude. Nach meinem Australien- Highlight mit Regen in der Wüste (einmal in 10 Jahren, toll, könnte ich stattdessen im Lotto gewinnen? Ok, dazu müsste ich erstmal Lotto spielen, aber trotzdem..) wieder ein Wetterwunder, das echt überflüssig ist.
Aber es ist ja nicht alles schlecht, es hat immerhin während des Feuerwerks aufgehört zu regnen, und beim Fussball (FUSSBALL!!! FUSSBALL!!! *lol*) schien die Sonne. Und Fussballgucken in der Kälte kenne ich ja nur zu gut- sei es Frieren im Menschen-leeren C-Rang beim HSV oder Boden-unter-den-Füssen-Wegtauen in der Nordkurve bei Pauli.
Aber nun von vorn. Vier freie Tage, an denen die Geschäfte geschlossen (!!!) hatten (also, alle bis auf die 24h-Läden natürlich und die Geschäfte, die offen hatten, aber das waren nicht so viele), so dass ich folgendes gemacht habe:
1. zum Fussball gepilgert: Nach Causeway Bay zum Hong Kong Stadium, um mein Idol Bora “Toupet” Milutinovic zu bewundern und der Frage nachzugehen, ob Hong Kong am 31.3. eine Chance gegen PR China hat (äh, vielleicht). Bedauerlicherweise (? sehr freundlich heute wieder, tztz) sieht Bora in Wirklichkeit gar nicht so grotesk aus wie auf den Fotos. Sehr ungewohnt: kaum Polizei auf dem Weg zum Stadion, und wenn, nur welche zur Verkehrsregelung, niemand mit Schlagstöcken oder Schilden, keine Wasserwerfer… so geht’s auch? Andererseits habe ich auch noch nie so friedliche Fans (möchte fast sagen, desinteressierte Fans) gesehen. Nur beim ersten Spiel HKs gegen Honduras merkte man überhaupt, welches die Gastmannschaft war. Beim zweiten Spiel gegen Schweden waren die größeren Sympathien für Schweden, was auch daran lag, dass die HK Mannschaft ungefähr so gut wie St. Pauli in der letzten Saison spielt, d.h. jede erdenkliche Gelegenheit, mal wieder den Ball zum Gegner zu spielen, wurde genutzt und vor dem Tor wurde konsequent jede noch so sichere Chance versiebt (Stichwort: aus 5m Entfernung drüber, aargh). Immerhin fielen dadurch viele Tore, auch schön. Und die Schweden hatten ja auch nach der 0:3 Klatsche gegen Norwegen (das beste Spiel, was ich seit langem gesehen habe, aber nun ja, das letzte Spiel, was ich live gesehen habe, war Hertha BSC- SC Freiburg 0:0 “Fussball ist Leiden”) was gut zu machen. Souvenirs: Hunderte Digi- Fotos, aufblasbare Knallstäbe (oder wie man das beschrieben kann, offizieller Name ist laut Packung “Pong Bong Sticks”, was ziemlich aussagekräftig ist), Stadionzeitung (die hauptsächlich zum Papierflieger-Basteln genutzt wurde *lol*), HK Trikot und eine elegante Carlsberg- Einkaufstüte, die sehr gut zu meinen nicht-vorhandenen flaschengrünen Jaguar passt, äh, nein. Jedenfalls danke ich der HKFA von ganzem Herzen für dieses wunderbare Turnier, wie habe ich es vermisst, an einem sonnigen Nachmittag in einer Menschenmenge zum Stadion zu pilgern. btw: Es gab keine Bratwürste, aber dafür McDonald’s, KFC und ca. 5 weitere Fast Food-”Outlets” (freier Markt auch hier *lol*). Bier gab es nur von Carlsberg und sogar in 1 Liter Jugs, die allerdings eher spärlich gekauft wurden. Im Gegensatz zu Japan wird hier echt wenig Alkohol getrunken.
Und ich habe 20 Seiten Notizen, die ich eigentlich in einen Spielbericht verwandeln wollte, vielleicht morgen (harhar); ich komme diese Woche eh nicht ins Labor, da meine komplette Arbeitsgruppe im Urlaub ist, das einzige Meeting gecancelt wurde und irgendwie alles gerade so in der Luft hängt. Jedenfalls liegt dieses Projekt zusammen mit meinem unvollständigen Essay “Wieviel ist gutes Design wert- Mein iPod und ich” irgendwo auf meiner Festplatte rum.
2. Meilenstein erreicht: Endlich über 1000 DigiCam- Fotos gemacht. *brav* Flo lacht sich wahrscheinlich halb tot bei dieser lächerlich kleinen Zahl. *nach Brasilien rüberwink*
3. Feuerwerk von einem Boot aus betrachtet: Dank meiner Netball- Connections )(*lol* dämlicher Ausdruck) durfte ich mich unter die Biochemistry-Students mischen und das legendäre Feuerwerk über dem Hafen betrachten, was in der Tat sehr beeindruckend war. Ich sach mal, Mario Kart 64, Rainbow Road, aber ca. 40 Minuten lang. Sehr psychedelisch, auch ohne Alkohol oder andere böse Drogen. Aber noch viel besser war danach mit einigen Leuten in einem winzigen Restaurant großartige Süßspeisen zu essen, Sesamsuppe, Reisnudeln mit Erdnuss- Pflaumensauce, Reisbällchen (a.k.a. Laser Rice Balls, wie mir “erklärt” wurde, begriffen habe ich es nicht, egal) *hach* Und Kwun Tong nachts im Regen mit den ganzen Garküchen- willkommen bei Bladerunner. Wenn am Nebentisch Harrison Ford gesessen hätte, hätte ich mich auch nicht gewundert. An dieser Stelle: Bitte dringend das Buch lesen, das ist noch viel besser als der Film!
4. geschlafen: äh, uninteressant
5. die Stimmung in der Stadt genossen: Für zwei Tage war alles so ruhig und entspannt, richtig weihnachtlich (d.h. so wie es an Weihnachten sein sollte, nicht wie es an Weihnachten dann tatsächlich ist). Lauter Kinder in typisch chinesischer Kleidung (was man sonst nicht so sieht), Massen von Menschen mit Geschenken und alles geschmückt. Sehr spirituelle Stimmung (kann man das so sagen? Jedenfalls das Gefühl, dass das, was gefeiert wird wichtig ist, richtig ist, Halt gibt, Hoffnung gibt und sich für einen winzigen Moment die Welt etwas langsamer dreht, man weiß, wo man hingehört, auch wenn nicht wirklich dazu gehört. “… und ich weiß, was für ein Wetter über der Stadt lag, in der Nacht, in der wir nicht wussten vorher wir kommen, wohin wir gehen, die Schönheit der Chance, dass wie unser Leben lieben, so schwer es auch ist…”, sowas in der Art.)
6. doch noch was gekauft: Nämlich den NME und Love is Hell Pt. 1 und 2 von Ryan Adams, da HMV nach zwei Tagen dann doch wieder offen hatte… Auf der verzweifelten Suche nach Musik “to save my soul”, weil keine der CDs, die ich eigentlich haben wollte, bisher in HK veröffentlicht wurden (i.e. Air, Franz Ferdinand, The Coral…) und auch ansonsten ich nichts fand, was mein Indie- Herz erfreute (ich vermisse die Plattenläden HHs), so dass ich endlich meine eh völlig unbegründeten Bedenken Ryan Adams gegenüber ablegte (hängt irgendwie mit zu hohen Erwartungen an “Demolition” zusammen, immerhin nicht “Democrazy”). Gute Entscheidung, Selbstmitleid für alle und meine Seele gerettet (und am nächsten Tag war ja auch wieder Fussball).
7. extreme Late Night- Wäsche washing: nachdem ich zu viel Zeit im ICQ verdaddelt hatte, fiel mir um ca. 3 Uhr morgens ein, dass ich ja noch Wäsche waschen wollte. Vorteil: Um diese Uhrzeit sind fast alle Waschmaschinen leer (Betonung liegt auf “fast”). Nachteil: Die Wachleute gucken komisch, wenn man mit einer großen Tasche um die Blöcke schleicht.
Was fehlt mir noch zu meinem Glück (außer einem großem Coffee Mocha, of course, und/oder mehr Schlaf)? Feine Tanzmusik abseits von Trance und Hip-Hop (tolle Kombi *lol*), also alles, was man “indie” schimpfen könnte. Und: Meine Gebete wurden erhört, nach 2 Monaten(!!!) endlich wieder ein Party dieser Art in HK. Ja, die Musikszene in HK ist “etwas” einseitig… nichts gegen Hip-Hop oder Techno, aber trotzdem…
Und jetzt werde ich 11Freunde lesen, da mir Martin (dankedankedanke, dankedankedanke, dankedankedanke) ein paar Ausgaben geschickt hat. Schlafen? Vielleicht morgen. Ist auch erst 2 Uhr.