Zurück in der Wirklichkeit (oder zumindest so was ähnlichem; “Leiche im Gleisbett”, liebe Bahn, das meint ihr doch nicht ernst*)… ich fühle mich immer noch, als hätte ich mindestens neun Zeitzonen durchquert und mein Gehirn gleicht einem stotternden Motor, der nicht anspringen will. Zumindest konnte ich gestern beim Arzt die Frage “Wo haben Sie denn die blauen Flecken her?” eindrucksvoll damit beantworten, dass ich verpennt gegen einen Stuhl lief, der sich fieserweise in meinen Weg gestellt hatte.
Aber eigentlich soll es hier gar nicht um billigen Slapstick gehen, sondern um die Berlinale.
Ein paar generelle Bemerkungen:
- Es war extrem stressig, weil die Kinos doch recht weit auseinander liegen und man ja ab und zu mal was essen und trinken muss.
- Kulinarisches Highlight: Maple Frosted Donut von Dunkin’ Donuts. Schön auch die beiden leicht anorektischen Mädchen, die sich angeekelt in der Bahn wegsetzten, als wir unsere 6er Box Donuts auspackten.
- Cubix 9 am Alexanderplatz hat die tollsten Sessel überhaupt. Allerdings ist “kann man gut drin schlafen” nicht unbedingt das beste Kriterium für einen Kino-Sitz.
- Etwas seltsam waren die Karten-Abreiß-Vorschriften: Mal wurde die Karte eingerissen, mal bekam man die Karte mit nur einem Abriss, mal mit zwei, einmal wurde mir unterstellt, eine bereits abgerissene Karte vorzuzeigen. Verwirrend.
Nun aber zu den Filmen:
Tekkonkinkreet (Zoopalast 4): Anime nach einer Manga-Vorlage. Leider mit einigen Längen, aber sehr schönen Bildern in einem ungewöhnlichen Stil. Durchaus empfehlenswert. Hätten wir doch bloß das Poster geklaut! Der Regisseur war ein Amerikaner, der seit 15 Jahren in Japan lebte und extrem langsam sprach, weswegen wir doch recht schnell aus der Fragestunde flohen.
The Tracey Fragments (Cubix 9): Ein 15jähriges Mädchen rennt zu toller Musik** panisch durch eine kanadische Stadt auf der Suche nach dem verschollenen 9-jährigen Bruder. Eine irre Mischung aus “Don’t Look Now” und “Catcher In The Rye”. Sehr ungewöhnliche Bilder (viele Kameraeinstellungen auf einmal, der Regisseur verglich die Bildkomposition auch zurecht mit einem Mondrian-Gemälde) und eine unheimlich gute Hauptdarstellerin, vielleicht mein Lieblingsfilm des Wochenendes, und zumindest der, der mich am nachhaltigsten beeindruckt hat.
I’m A Cyborg, But That’s Ok (Urania): Meine Erwartungen an diesen Film waren unendlich hoch, unfairerweise, denn was sollte nach dem perfekt durchkomponierten Meisterwerk “Lady Vengeance” noch kommen? Ein großartiger Vorspann, eine seltsame Geschichte und Leute, die nach 20 Minuten das Kino verliessen, warum auch immer.*** Auch fast eine Woche später weiß ich nicht genau, was ich von dem Film halten soll. Er ist unheimlich schön, er ist sehr bunt, er ist sehr traurig, er ist sehr lustig, er ist bizarr und es wird gejodelt. Allerdings ist er in seiner Erzählstruktur und Kamera im Vergleich zu The Tracey Fragments sehr konventionell, auch wenn der Vergleich sehr unfair ist, bemüht sich doch The Tracey Fragments vor allem um Realismus, während Chan-Wook Park mit I’m A Cyborg… alles andere außer Realität im Sinn hatte. Oder?
Jedenfalls muss ich diesen Film noch ungefähr 1 bis 10 mal gucken, möglichst auch nicht in der 3. Reihe ganz außen mit einem Kopf vor mir, der die Mitte der Untertitel überdeckt.
Gen Zong- Eye in the Sky (CineStar 8, Potsdamer Platz): Recht konventionelles Hong Kong-Krimi-Kino (seltsamerweise nicht mit dem kantonesischen Originaltitel angekündigt, sondern mit dem hochchinesischen). Aber mit der Stadt (der großartigsten Stadt der Welt) in der Hauptrolle, weswegen mich der Film sehr glücklich gemacht hat. Allerdings massiv peinlich war die Fragerunde nach dem Film, in der zunächst die Mikros nicht funktionierten, die Moderatorin schlecht vorbereitet war und aus dem Publikum Fragen wie “Wie realistisch ist ihre Darstellung der Polizei-Arbeit, die chinesische Polizei ist doch als sehr korrupt bekannt?” kamen.
Eagle vs. Shark (Zoopalast 4): Ein typischer Sundance-Film, allerdings aus Neuseeland, was allerdings außer den typischen Hobbit-Wiesen und einer kurzen Erwähnung von Netball nicht weiter auffiel. Verschrobener Nerd (Tautologie, ich weiß) trifft sehr geduldige Frau, eine chaotische Liebesgeschichte entwickelt sich. So weit, so oft genug gesehen, aber immer wieder nett, schließlich habe ich auch unzählige ähnlich klingende CDs von britischen Gitarrenbands im Regal stehen. Allerdings hatte ich während des Films mehrfach das Bedürfnis, der Hauptdarstellerin zu zu rufen, dass sie sich nicht so von dem Typen quälen lassen solle.
Comrades in Dreams- Leinwandfieber (Cubix 8): Dokumentation über Kinomacher in aller Welt, d.h. in Nordkorea, den USA, Burkina Faso und Indien. Sehr faszinierend, insbesondere der Teil in Nordkorea, sehr amüsant (warum “Titanic” in Indien nicht funktioniert hat) und vor allem sehr sentimental, man merkte deutlich, dass der Regisseur selber lange Jahre als Vorführer gearbeitet hatte.
Luo Ye Gui Gen- Getting Home (Cubix 8): Eine sehr schwarze Komödie um einen Mann, der seinen verstorbenen Freund von Südchina bis zu den Drei Schluchten des Yangtse transportiert. Wunderschöne Landschaftsaufnahmen und eine abwechslungsreiche, sher unterhaltsam erzählte Geschichte. Sollte im Gegensatz zu diesem Mist mit Jennifer Lopez im Wettbewerb laufen, aber dass das Festival von Menschen ohne Geschmack geleitet wird, ist ja nichts neues.
Jigoku no kyôen - Procurer Of Hell (Delphi-Kino): Kein neuer Film, sondern von 1961, der im Rahmen einer großen Kihachi Okamoto-Retrospektive lief. Ein sehr stark an französische Filme der 60er Jahre erinnernder Film noir, der vor allem wegen seiner Bilder von Tokyo interessant ist. Und wegen der starken Frauenfiguren, die ich nicht in so einem Film erwartet hätte.
* Vorgestern abend, ICE von Hamburg nach Erfurt über Berlin und Leipzig: Zug hält im Niemandsland zwischen Hamburg und Berlin. “Wegen einer Leiche im Gleisbett verzögert sich unsere Weiterfahrt.” … “Wir bekommen demnächst einen Lotsen an Bord, der wird dann den Zug über Stendal nach Berlin leiten.” … “Wir haben momentan eine Verspätung von mehr als einer Stunde und beginnen jetzt mit dem Austeilen der Verspätungsgutscheine.” … “Wegen einer Person im Gleisbett mit Notarzt-Einsatz musste der Zug leider außerplanmäßig halten. Es stellte sich dann heraus, dass die Person bereits tot war, und der Zug musste daraufhin umgeleitet werden. ” Args. Stendal liegt übrigens in Sachsen-Anhalt, falls es jemanden interessiert.
** “Horses” von Patti Smith (gecovert von Broken Social Scene). Ich liebe “Horses”. Und dann war der Song auch noch genau so umgesetzt, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Da hatte der Film schon gewonnen.
*** Ich spare mir die Hasstiraden für einen anderen Post. Kill ‘em all.





natto sagte,
Februar 16, 2007 @ 6:50 Uhr nachmittags
Scheener gomment. Filme sind auf meiner *towatchmovielist* vermerkt. Und Lotsen Land ober sind unheimlich.
kleinstadt sagte,
Februar 16, 2007 @ 10:51 Uhr nachmittags
Ich wusste überhaupt nicht, dass es sowas bei der Bahn gibt. Was macht man bloß den ganzen Tag als “Bahnlotse”? So häufig kommt doch sowas nun auch wieder nicht vor?
Falls du The Tracey Fragments sehen willst, besorg dir einen Beamer. Der Film braucht so viel Platz wie möglich, damit man alles erkennen kann.
natto sagte,
Februar 16, 2007 @ 11:40 Uhr nachmittags
Beamer hamma. Nur der Anspruch des Labs… naja. Ich hab Innosensu gezeigt, das war ihnen zu kompliziert. “Schoene Bilder.. ” Grrr. OK, war in org. lang. mit engl subt. Battle Royal mit Kitano war wiederum anspruchslos genug.
Berlinale 2008 « Torten, Tanzmusik & Totale Voetbal sagte,
Februar 19, 2008 @ 11:03 Uhr nachmittags
[...] unter Festivals, Filme, Gemotze, I heart Hong Kong, Musik, Nahrungsmittel Meine zweite Berlinale (hier ist der Bericht vom letzten Jahr), diesmal mit anderen Kinos (International, endlich!) und weniger [...]