Als ich um 11 Uhr morgens losfuhr, begann gerade die Blasmusik. Da wusste ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Dank der neuen, wunderschönen A71 war der Weg nach Nürnberg auch denkbar einfach (auch wenn man dabei an Suhl vorbeifahren muss). Auch die Entscheidung, am Hauptbahnhof zu parken und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum “Park” zu fahren, stellte sich als richtig heraus.
Am der S-Bahn-Station “Duzendteich” angekommen, brauchte man auch nur noch den Schildern “Reichsparteitagsgelände” zu folgen, um das Festival zu finden, was ich ziemlich “creepy” fand. Aber natürlich bietet sich so eine riesige Fläche für ein Festival an, zumal dieses Jahr wegen der WM das Franken Easy Credit-Stadion (sensationeller Name für ein Fußballstadion) nicht benutzt werden darf (außerdem hätten die ganzen Metallica-Fans da auch nicht reingepasst). Nach problemlosem Kartenkauf und Bändchen-Abholung ging es zur Alterna-Stage. Aufgrund der Größe des Geländes war es eigentlich nicht möglich, zwischen den Bühnen hin und her zu wechseln, zumal man immer wieder durch die Security musste. Nervig. Allerdings spielte auf den anderen Bühnen auch kaum etwas, was mich interessierte (Reamonn, anyone? The Darkness? Irgend’ne 08/15-Emoband?). Vor dem eigentlichen Eingang waren die unvermeidlichen Billig-Piercing-, Traumfänger- und sonstigen Hippie-Ramschläden aufgebaut. Außerdem gab es einen Bratwurststand, der erstaunlicherweise keine Nürnberger Bratwürste hatte.

Unglaublich! Eventuell eine Thüringer Verschwörung?
Die Alterna-Stage war direkt vor dem Kongresszentrum aufgebaut, einem gigantomanischen, dem römischen Kolosseum nachempfundenen Nazibauwerk, das in den Ausmaßen und der Hässlichkeit an die “Schreibmaschine” in Rom erinnert.

Um 14.30 Uhr war es allerdings noch sehr leer dort. Die Menschen waren wohl eher mit Schrott-Kaufen oder Müll-Machen beschäftigt. Da hinten auf der Bühne spielt Jason Mraz. Die beiden Figuren vorn im Bild spielen Frisbee. Am Bierstand gab es 0,4 Liter Bonaqa, das ekligste Tafelwasser der Welt, für “günstige” 3,30 Euro. Ich habe dann mal nichts gekauft.
Nun aber zu den Bands:
Jason Mraz: Ungefähr zu Hälfte gesehen. Wenig Leute da, dafür eine Menge “echte” Fans vor der Bühne. Klang alles sehr eingängig und passte zum großartigen Wetter.
Dresden Dolls: Habe ich nun schon zum dritten Mal auf einem Festival gesehen. Der erste Auftritt 2004 im Spiegelzelt in Haldern um 1 Uhr nachts ist unerreicht. Da stimmt wirklich alles: Ambiente, Stimmung, Publikum. Bei Tageslicht ist es da schon etwas schwieriger, aber dank einer starken Setlist (inklusive einer Coverversion des NDW-Hits “Eisbär” von Grauzone. Auf Deutsch!) und ein paar Hardcore-Fans mit Plakaten ein gelungener Auftritt. Auch war die Länge des Auftritts ideal, länger als 45 Minuten ertrage ich die nämlich nicht so recht.
Babyshambles: Warten auf Pete Doherty. Das Gelände füllte sich plötzlich mit Menschen. Und nach kurzer Umbaupause erschien erst ein Moderator von BigFM (oder so ähnlich), den ich gerne mit dem Inhalt eines Dixie-Klos beworfen hätte, um die Band anzukündigen, und dann wirklich Mr. Doherty himself mit seiner Band. Pünktlich.
Sowas wie ein Beweisfoto von relativ weit hinten innerhalb der ersten Absperrung. Das in der Mitte ist Pete im rosa Pullover mit Hut. Sehr schick. Er wirkte auch gesünder als erwartet, Bobby Gillespie von Primal Scream ist deutlich kaputter als der (aber nichtsdestotrotz ziemlich super meistens). Und die Songs klangen auch sehr gut. Highlight des Auftritts war “Time For Heroes”, wo sich ein erster richtiger Moshpit des Tages bildete und lauthals mitgesungen wurde.
Sehr schön war auch, dass Pete am Ende des Auftritts, als ihm untersagt wurde, noch ein Lied (Fuck Forever) zu spielen, das Mikro in die Menge warf, woraufhin eine Mini-Riot entstand, bis das Mikro zurück auf der Bühne war, um dann wieder von Pete in die Menge geworfen zu werden. Ey, Rock’n'Roll, ey.
Tomte: Am Tag vorher in Jena gesehen. Der Auftritt war leider fast identisch, nur die Setlist dieses Mal ein wenig kürzer. Die Reihenfolge der Songs war identisch. “So soll es sein” klang genauso doof wie in Jena. Und Thees erzählte sogar dieselbe Geschichte, was ich etwas traurig fand. Die Tomte-Army war trotzdem begeistert, zum ersten Mal wurden Frauen auf Schultern gehoben, um anderen die Sicht zu versperren.
Paul Weller: Das erste Highlight des Tages. Der erste gut sitzende Anzug (Zweireiher mit Bronzeknöpfen). Der Modfather (ha, erst der Modfather und dann der Mozfather, NME-Leser lachen hier ein bisschen) mit kleiner Band, Top-Frisur und exzellenter Laune. Das Publikum schien erst skeptisch, später begeistert. Ich hatte mich mittlerweile in die erste Reihe vorgearbeitet, weil die Tomte-Army verschwunden war (zu Reamonn, presumably) und freute mich über ein sehr ausgewogenes Set voller Hits von mit “From The Floorboards Up” über “Wild Wood” bis “A Town Called Malice”. Letzteres war eher seltsam, da Wellers Gitarre nach den ersten Akkorden nicht mehr mitmachte und so der Song mehr vom Rest der Band improvisiert wurde. Das sehr textsichere (vermutlich britische) Publikum ließ sich von solchen Kleinigkeiten allerdings nicht stören und sag lauthals mit. [Und, lieber Radio-Idiot: Das neue Album von Paul Weller ist ein Live-Album von der letzten Tour. Da sind keine neuen Stücke drauf. Depp.]
Aus der ersten Reihe. Hoch!
David Gray: Der minderwertige Ersatz für Richard Ashcroft, der immer bei den Festivals absagt, zu denen ich fahre. Glücklicherweise war ich vor David Gray gewarnt worden, so dass ich in der Zeit das restliche Gelände erkundete. Oh, wie abgewrackt. Es sah aus, als hätte wirklich überall jemand hingekotzt. Und natürlich war der Boden mit Bierflaschen-Scherben übersät (genau wie beim Altstadtfest). Was bin ich froh, nicht auf diesen Parkplätzen geparkt zu haben! Währenddessen plärrten die blöden Reamonn (nein, kein Link) “Supergirl”, was auch sonst. Ich floh wieder zur Alterna-Stage, auf der Mr. Gray immer noch rumjammerte und dabei sehr nervig mit dem Kopf wackelte. Zwei, drei Lieder war es erträglich, dann machten mich die ganzen Pärchenmenschen und das generelle Rumgeschunkele aggressiv.

Außerdem entdeckte ich die ersten Jamiroquai-Fans in der ersten Reihe mit wahrscheinlich selbstgebasteltem Kopfschmuck. Vielleicht gab’s sowas auch bei den Hippie-Buden zu kaufen. Verdeckt David Gray, der immerhin auch einen schönen Anzug trug. Angeblich stammt der ja auch Manchester, was normalerweise ausreicht, damit ich Künstler mag (mit Ausnahme von Simply Red). In diesem Fall hilft es nicht.
Nelly Furtado: Nelly Furtado oder Metallica, das war die große Frage. Im Nachhinein war es eine gute Entscheidung, bei Nelly zu bleiben, da bei Metallica so dermaßen viele Menschen gewesen sein müssen, dass ich weder was gesehen hätte, noch rechtzeitig da wieder weggekommen wäre. Außerdem konnte man zur Musik tanzen, was gut gegen Rückenschmerzen und andere Festival-Leiden ist. Nelly Furtado wirkte sehr sympathisch auf der Bühne, trotz einiger technischen Probleme mit dem Mikro (vielleicht das von Pete vorher?). Auch hatte sie eine tolle Band, einen MC und eine etwas unheimliche Tänzerin dabei. Die mehr hiphop-lastigen Stücke gefielen mir sehr viel besser als die Radio-Pop-Sachen wie “Powerless”. Und gerade als ich mir eine fantastische Coverversion von “Buffalo Stance” oder “Manchild” von Neneh Cherry erträumte, geschah das Unfassbare: Sie kündigte ihre “German friends from Reamonn” an. Aaargh! Da war es auch schon zu spät, den Blick von der Bühne zu wenden und der eklige Sänger und der nicht minder eklige Gitarrist standen da und jaulten bei einem Song mit. Inferno! Eine Kotztüte bitte! Nachdem die dann wieder weg waren, gab es noch passend zu WM “Forza”, was ein milliardenfach besserer Song (von der EM 2004) ist als dieser Depri-Kram von Herbert Grönemeyer jetzt.
Dann endlich, endlich, endlich die Vorbereitungen für Morrissey, weswegen ich überhaupt nach Nürnberg gefahren war. Die echten Morrissey-Fans (mit Morrissey-Quiff und ausgewaschenem original 80er Jahre The Smiths-T-Shirt) rückten vorn zusammen, ich erkämpfte mir einen Platz in der Mitte der zweiten Reihe, auch deswegen, weil neben mir die dämlichen Österreicher um die 40, die mich schon bei Nelly Furtado (”voll supi”) mit ihrem sinnlosen Gelaber genervt hatten (trotz Ohrenstöpsel), mit dem Namen nichts anfangen konnten (Hallo? Was verpasst in den 80ern?) und vor Jamiroquai (”auch voll supi”) nochmal einen Rundgang machen wollten. War auch besser so.
Als letzter Song vor dem Auftritt wurde “You Never Walk Alone” gespielt, was schon fast an Blasphemie grenzt, die FC Liverpool-Hymne vor dem Auftritt eines vermutlichen Manchester United-Fans zu spielen (an dieser Stelle auch die absolutes Unverständnis, wie die sonst so kompetenten Menschen von 11Freunde in ihrer letzten Ausgabe behaupten konnten, dass sei eine neue Entwicklung, dass dieser Song in Liverpool gesungen wird. Sofort rausschmeißen, diesen Praktikanten!) . Das Publikum gröhlte jedenfalls begeistert mit. Hauptsache Fußball. Überhaupt war die Stimmung exzellent. Es hilft doch immer, einen Haufen Briten im Publikum zu haben. Nach langen “Morrissey, Morrissey, Morrissey”-Chants erschien er dann auch in perfekt sitzendem Anzug, gelbem Shirt und mit Rose im Revers. Die Band war selbstverständlich auch perfekt gekleidet. Was dann geschah, ging viel zu schnell vorbei. Zunächst “Panic”, was allein schon die Reise rechtfertigte, dann einige neue Songs, die noch viel besser als auf dem Album klangen, dann “Girlfriend In A Coma”, “Let Me Kiss You”, ein sensationelles “I Will See You In The Far-Off Places”, “How Soon Is Now” und als fantastischen Abschluss “Irish Blood, English Heart”. Kein “Everyday Is Like Sunday”, kein erhofftes “Life Is A Pigsty”, was mir allerdings erst fünf Stunden später auffiel. Fantastisch auch die Umsetzung der Songs mit Gestik und Mimik. Das Publikum (und ich) war entsprechend euphorisch, und auch Morrissey schien sehr gut gelaunt. Ich war innerhalb kürzester Zeit komplett weggetreten, wie man auch an diesem Bild sieht:

Blinded by the lights und so…
Nach einer Stunde war leider schon Schluss, ohne Zugaben, da ja der nervige Jamiroquai noch auftreten musste. Ich bin also so schnell wie möglich aus der Menge geflohen, was nicht ganz leicht war, da Metallica ungefähr zeitgleich fertig waren, und unendliche Massen mir entgegen strömten. Irgendwann gelang ich dann endlich in den Strom zu S-Bahn, die auch schnell kam (Danke WM, dass solche Sachen jetzt hervorragend funktionieren). Mein Auto stand auch noch da, wo ich es abgestellt hatte, vor dem unverständlichen Schild mit den Autobahnen (Warum nicht A3, A9, A73, sondern Städte-Kombinationen wie München/Berlin und Regensburg/Heilbronn? Ich will doch nach Bamberg/Schweinfurt…).
Nach einigen Runden durch die Nürnberger Altstadt gelangte ich aber doch auf eine einigermaßen richtige Autobahn, an der es allerdings keine Tankstellen gab. Überhaupt herscht auf dieser Strecke extremer Tankstellen-Mangel. Mal von dem einen Autohof bei Knetzgau abgesehen, der mich dann rettete (Warum sind bitte um 1 Uhr in Nürnberg die Tankstellen auf dem Weg zur Autobahn zu?). Danach fuhr sich der restliche Weg äußerst entspannt. Besonders übermüdet freut man sich, dass beim Bau der A71 Kurven und Anstiege vermieden wurden und entweder Bergkuppen mit Talbrücken verbunden oder Tunnel gebaut wurden. Immer nur schön gerade aus.
Ein abschließendes Fazit? Es hat sich gelohnt, obwohl ich heute komplett “durch” war und weder denken noch schreiben konnte. Zu “Rock im Park” würde ich allerdings nur im absoluten Ausnahmefällen wieder fahren und unter keinen Umständen dort campen, denn die Camping-Plätze sind echt abgewrackt. Dagegen ist das Hurricane wirklich sauber und ordentlich (hahaha!). Und jetzt gehe ich schlafen.