Archiv für Festivals

Nicht mehr alle T-Shirts im Schrank

(oder auch “heroes become weak”, wenn das nicht so offensichtlich wäre).

Kurzfassung: Ein ernsthafte Kandidat für das schlechteste Lied des Jahres: The Streets - The Escapist [via Popjustice] Fookin’ pile of wank.

Ganz im Ernst, ich höre lieber zwei Stunden Landeswelle Thüringen, Jürgen Drews oder Bratwurstkonzerte als noch einmal dieses “Lied”. Uargh. Und jetzt entferne ich die The Streets-T-Shirts aus meinem Kleiderschrank.

Langfassung: “Original Pirate Material” ist vielleicht mein liebstes Album von 2002 (neben “Release”, “Turn on the Bright Lights” und “One by One”). 2002 bestand mein musikalisches Sommerreisegepäck aus vier MiniDiscs: Original Pirate Material, Release, Actually und Behind The Music, die ich fünf Wochen lang gehört habe. 2003 habe ich jemanden sehr damit beeindruckt, dass ich die kompletten Texte zu sämtlichen Liedern auswendig konnte. 2003 bin ich hauptsächlich zum Terremoto-Festival* gefahren, um Freitag, 19 Uhr im strömenden Regen The Streets zu sehen. Und es war großartig! 2004 muss ich das Album immer noch mit Begeisterung gehört haben (falls mein iPod noch leben würde, wüsste ich genaueres), denn wenn ich an Shek O denke, fällt mir als allererstes “Weak Become Heroes” ein, warum auch immer.

However, 2004 erschien auch “A Grand Don’t Come For Free”, was allgemein begeistert aufgenommen wurde, sich mir aber nicht erschloss (mal von “Fit But You Know It” abgesehen). Das mag aber auch daran liegen, dass das Album (und insbesondere “Dry Your Eyes”, ich könnte kotzen) gar nicht für mich geschrieben wurde (bzw. nur als Warnung, die ich leider nicht begriffen habe), sondern für passiv-aggressive Männer zwischen 20 und 40, die es leider nicht geschafft haben, erwachsen zu werden. Das erklärt auch die Begeisterung der Musikjournalisten.  Aber immerhin waren die Beats gut. Und man soll ja auch den Künstler nicht mit seinem Werk verwechseln- P.T. Anderson ist ja auch kein schlechter Regisseur, nur weil ich Jahre meines Lebens mit jemandem verschwendet habe, der sich exakt wie die Hauptperson aus “Punch-Drunk Love” verhielt und ich deswegen den Film nur schwer ertragen konnte (Run, Lena, run!). Also hooray für diese erkenntnisreiche Studie passiv-aggressiven Verhaltens. Und wenn man nicht zu lange/gar nicht darüber nachdenkt, dann ist das Album auch nicht schlimmer als “Imitation of Life” (übrigens, Landeswelle Thüringen, von den vielen, vielen R.E.M. -Songs, warum läuft immer nur dieses Lied bei euch, wenn ich euren Sender in der Videothek ertragen muss? Damit ich mehr Slasher-Filme ausleihe? Ach so, dachte mir das schon.) oder das Billy Corgan-Soloalbum (muahahaha).

Dann, 2006: The Hardest Way To Make An Easy Living. Nun ja, das Äquivalent zu “Standing On The Shoulder Of Giants”, und das war ja auch kein völlig schlechtes Album, z. B. war das Cover sehr hübsch und man könnte es sich einigermaßen schnell schön hören. Und die Beats waren immer noch ganz gut.

Nun dieses Lied. Uargh. It’s utter shite. Nein, mehr noch. Es ist so schlecht, dass ich nicht glauben mag, dass dieselbe Person “Let’s Push Things Forward” geschrieben hat. Und noch schlimmer, es ist so schlecht, dass ich jegliches Interesse, like, forever and ever an The Streets verloren. Oy!

[Beim nochmaligen Lesen klingt das noch viel zu harmlos, aber der Schock sitzt so tief, dass ich keine klaren Gedanken fassen kann. Es ist alles noch viel schlimmer. "If you'd been a dog they would have drowned you at birth." So schlimm.]

* Andere Künstler dort: Limp Bizkit, Linkin Park, Die Ärzte und der erste Auftritt von Billy “no” Talent. Ja, der Campingplatz war unerträglich, außerdem komplett überfüllt. Immerhin fand das Festival danach nicht mehr statt, was definitiv gut ist.

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TFF, WTF?

Bonnie “Prince” Billy war großartig. Allerdings kriegt mich auch jeder, der seine Songs mit Gestik singt (siehe meine unerklärliche Faszination mit Billy Corgan, obwohl der wirklich seit ungefähr 2002 keinen einzigen guten Song mehr veröffentlicht hat) und seine Stimme innerhalb einer Zeile brechen kann (siehe auch Jeff Tweedy, ah, Jeff Tweedy!). Diese Menschen lassen allerdings an einer Hand abzählen lassen.

However: There are times when I look at people and I see nothing worth liking.

Kiffende Dreadlock-Hippies in müffeligen Plastik-Regenjacken (obwohl es trocken war) mit vollgestopften Rucksäcken, die sie einem unabsichtlich (?) ins Gesicht drücken und Regenschirmen, die dann auch noch das ganze Konzert über reden müssen- da gibt es nicht mehr viel, was dazu kommen muss, um diese Personen noch mehr zu hassen (vielleicht noch zwei Trolleykoffer mit billigen Rollen und ein Che Guevara-Shirt, wobei das wahrscheinlich unter der Regenjacke verborgen war).

Und wer auch immer das hinter mir war, der sich darüber beschwerte, dass die Musik nach Country klingen würde, das Festival nennt sich “Weltmusik.Folk.Roots” (normalerweise Grund genug, schreiend wegzulaufen, ich weiß, aber Bonnie “Prince” Billy!). Und wenn da Country nicht hineinpasst, lasse ich mir heute noch eine Konföderationsflagge über mein Herz tätowieren (classy!) und ziehe in einen Trailerpark nach Arkansas, weil ich mich dort zumindest bewaffnen kann und jeden einzelnen anti-amerikanischen Pansen erschießen kann. U!S!A! Und wo wir dabei sind, wer ebenfalls diese Woche gestorben wäre, wenn Blicke denn hätten töten können (warum eigentlich nicht?), war der Pseudo-Informatiker (der noch nicht mal simple Logik-Operatoren verstand, aber das ist eine andere Geschichte), der behauptete, er würde eh nicht in die USA einreisen dürfen (vermutlich wegen seiner l33t hAckoR sKillZ); nicht, dass er es jemals versuchen würde, denn die seien so ungastlich. Damit hat er natürlich völlig recht, denn wie jeder afrikanische Immigrant in einem spanischen Flüchtlingscamp und jede Familie in Abschiebehaft bestätigen kann, nehmen “wir” die poor and huddled masses mit offenen Armen auf. Fuck you. Von gleicher logischer Präzision war sein Argument, dass Linux durch die vermehrte Benutzung verunreinigt würde, weil dann Leute auf die Idee kommen würden, Spy-Ware und ähnliches zu programmieren. Meinen Hinweis, dass die Leute, die die Spy-Ware programmieren, die Personen seien, die das System verunreinigen würden (mal ganz abgesehen davon, dass Spy-Ware “nur” bedeutet, dass das System nicht so perfekt ist, wie man gern glauben möchte- Windows ist da zumindest ehrlich) und nicht die User, die auf so etwas reinfallen, verstand er leider nicht. Oh well. When I am king, you will be first against the wall.

Aber zurück zum TFF. Nicht ganz so hassenswert, eher völlig unverständlich sind mir Eltern, die ihre Kinder zu einem in keiner Weise kindgerechten Konzert mitnehmen, das um Mitternacht beginnt. Aber lieber schreiende Kinder als schwafelnde Hippie-Pansen (im Zweifelsfalle auch lieber Pisse-werfende Affen in Manchester als selbstgerechte Arschlöcher).

Besonders bizarr war außerdem, dass es mir um 23 Uhr leider nicht mehr möglich war, eine Karte zu kaufen, weil die Kasse, die ich nach längerem Umherirren fand- Ausschilderungen sind offensichtlich für Anfänger- zwar geöffnet war, aber nicht besetzt. Der Security war mein fehlendes Bändchen allerdings auch scheißegal, so dass ich dann eben nichts für das Konzert bezahlt habe und stattdessen eine CD gekauft habe, so dass mein Geld zumindest direkt den Künstlern zugekommen ist.

Hinzu kommt noch diese komplette und alles durchdringende DDR-Spießigkeit (deutlich abzugrenzen von z. B. schwäbischer Spießigkeit, die selbstredend auch komplett entsetzlich ist), deren “Weltgeist” sich auf die eigenen vier Wände beschränkt. (Dies ist allerdings ein Punkt, der noch weiter zu erläutern wäre, in 11000 Wörtern und mehr. Zur Vorbereitung sei auf “Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift.” von Dietmar Dath verwiesen.)

Ich bedauere doch ein wenig, nicht mein komplettes Geld in die Subskriptionsausgabe der gesammelten Werke Thomas Bernhards investiert zu haben.

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Mmm

Okay, okay, ich widerrufe. Die EM ist doch etwas spannender als ein durchschnittlicher Bundesliga-Spieltag, und ich denke nicht mehr bei jedem Spiel “wenn das jetzt das Championsleague Finale wäre, seufz” und bin mittlerweile sehr in EM-Stimmung. In meinem Delirium habe ich heute sogar den DSF-Doppelpass geguckt, ich gebe den Heuschnupfen-Medikamenten die Schuld. Der Live-Ticker des Guardian erreicht auch wieder das gewohnte sarkastische Niveau. Bonus: Das Mini-Autocorso eben in der Fußgängerzone. Ich hätte doch bei McPfennig (”Sparen wie die Schotten”) eine Türkei-Fahne für kleines Geld kaufen sollen, um mich daran zu beteiligen. Und auch der Fußball-Kommentar auf SF2 ist sehr, sehr gut. Wirklich. Hatte ich irgendwie nach dem Championsleague Finale vergessen. Spitzenausdruck von heute:
Spitalpass nennt der Schweizer einen Pass, den ein Spieler unmöglich erreichen kann, weil dort direkt ein Verteidiger steht, und der Versuch, den Pass zu erreichen, mindestens in einer Kollision oder in einem Foul endet. Anscheinend eine häufigere Spielsituation im Schweizer Fußball.

Nur Fußball-Gucken mit Leuten, die absolut gar keine Ahnung von Fußball haben, sich aber wie die totalen Experten fühlen, das geht gar nicht.

In other news: Mein Zelt steht testweise im Wohnzimmer und müffelt seltsam. Und mein scheinbar neuer Nachbar präsentiert sich nur in Unterhose und mit Hund auf dem Dach des Hauses gegenüber. Immerhin nicht wieder morgens um 6 mit vielen ebenfalls leicht bekleideten Freunden. Hm. Vielleicht sollte ich mich mal beim Mieterbund darüber informieren, wieviel Mietminderung man beantragen kann, wenn sich ein Swingerclub/”Sauna” im Haus befindet.

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Berlinale 2008

Meine zweite Berlinale (hier ist der Bericht vom letzten Jahr), diesmal mit anderen Kinos (International, endlich!) und weniger Stress dank besserer Planung. Wenn man erstmal verstanden hat, dass es illusorisch ist, mehr als 3 Filme pro Tag zu sehen, wenn man nicht im selben Kino bleiben will, und schweren Herzens interessant klingende Filme von der Liste gestrichen hat, schafft man es sogar, zwischendurch den dringend benötigten Kaffee zu trinken und etwas zu essen. Dass das dann trotzdem Fast Food ist, nun ja, das lässt sich leider nicht ändern. Immerhin, ich hatte am Sonntag sogar Natto in einem ansonsten eher unspektakulären japanischen Restaurant in Mitte (und ja, ich wurde gefragt, ob ich wisse, was ich da bestellen würde…), und das ist ja bekanntermaßen so gesund, dass es all den Schrott der letzten Tage ausgleicht.

Nun aber zu den Filmen:

Megane (Cinestar): Nicht hungrig zu empfehlen, denn es wird eigentlich ständig gegessen. Oder aufs Meer gestarrt. Oder beides gleichzeitig. Ein sehr entspannender, geradezu meditativer japanischer Film über die Wichtigkeit des Nichtstun. Und des gemeinsamen Essens. Überhaupt, Essen. Ich werde schon beim Gedanken an den Film hungrig.

Transsiberian (Colosseum): Ich hasse, hasse, hasse diesen Film. Dieser Film ist so dümmlich*, dass er mir Schmerzen beim Zusehen verursachte. Wenn ich nicht in der Mitte des sehr großen Kinos gesessen hätte, wäre ich zum ersten Mal in meinem Leben mitten im Film aus dem Kino gegangen. Besonders hassenswert neben dem Eso-Gebrabbel, dem Avril Lavigne-Clon und der Ansammlung an Klischees: Der grauenvoll offensichtliche Drogen-Plot**(sehr einfallsreich den Schmuggler Carlos zu nennen, als gäbe es keine anderen spanischen Namen) und die völlig fehlbesetzte Emily Mortimer als ultra-naive ehemalige Alkoholikerin, die 10 Jahre lang durch die Gegend gezogen und nirgendwo länger als 7 Tage verblieben sein will, dabei allerdings so dermaßen wenig Menschenkenntnis mitgenommen hat, dass man leider vermuten muss, dieses Rumziehen hätte sich auf von der Upper East Side nach Greenwich Village nach Long Island und wieder zurück zur Upper East Side beschränkt, in einem Auto mit Chauffeur, einem phillipinischen Hausmädchen und Daddys Kreditkarte. Selbst die lobotomierten RomCom-Blondchen haben mehr street smarts als diese Person.

3 Dias- Before The Fall (International): Ich wollte diesem Film nur sehen, weil ich unbedingt einmal ins Kino International wollte, das wirklich den Besuch lohnt. Der Film war eine etwas gewollte Mischung aus Weltuntergangsdrama und “Killer kommt aus Gefängnis frei und hat noch eine Rechnung offen”. Wenn man mal die Frage ignoriert, warum man die letzten drei Tage der Welt damit verbringen sollte, sich in der Einöde vor einem Killer zu verstecken, anstatt noch einmal alles zu genießen, was die Welt so zu bieten hat, dann ist der Film unterhaltsam und spannend.

Gegenschuss- Aufbruch der Filmemacher (Cubix): Das erste Highlight. Ich hatte bisher kein Interesse, mich mit Filmemachern wie Rainer Maria Fassbinder und Alexander Kluge auseinander zu setzen, weil ich die Befürchtung hatte, dass deren Filme unglaublich schlecht gealtert seien (so ähnlich wie bei manchen Platten aus den 70ern, wo man heute nur noch die schlechte Produktion und die schlimmen Keyboards hört). Diese sehr witzige und unterhaltsame Dokumentation hingegen hat mich immerhin dazu gebracht, fast alle verfügbaren DVDs auf meine Amazon-Ausleih-Liste zu setzen und darüber zu fluchen, dass keine Filme von Uwe Brandner und Thomas Schamoni erhältlich sind. Selbst “Die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter” von Wim Wenders hätte ich ausgeliehen, wenn dies möglich gewesen wäre. Wim Wenders! Mein Kino-Trauma Nr. 1! Und dann noch das schönste Zitat: Das Kino ist das Größte, auch wenn wir begreifen müssen, dass es vielleicht nicht so war (Serge Daney).

Boy A (Colosseum): Focking amazing. Mein diesjähriger Gewinnerfilm. Ich kann immer noch nicht glauben, dass dieser wunderbare Film wirklich ein Fernsehfilm von Channel 4 ist. Ein subtiler Film(für einige Kritiker zu subtil) mit exzellenten Schauspielern. Ein wenig an den Schluss von A Clockwork Orange erinnerend geht um einen jungen Mann, der nach einem langen Gefängnisaufenthalt für eine grausame Tat, die er als Kind begangen hat, wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden soll. Der Film spielt in Manchester (hurra!) und entsprechend schön (bzw. schwer verständlich, je nachdem) sind die Dialekte der Darsteller. Oh ja, die intensive Beschäftigung mit britischer Musik hat durchaus ihre Vorteile, wenn es um das Verstehen von Dialekten geht… Ich wünsche dem Film einen allgemeinen Kinostart (was aufgrund des digitalen Formats eher unwahrscheinlich ist), oder zumindest einen guten Sendeplatz in der ARD (mit Wiederholungen auf arte und DVD-Veröffentlichung).

Man Yeuk (Sparrow) (Urania): Hong Kong! Johnnie To! Regenschirme! Eine gelungene Action-Komödie, wenn das Wort “Action-Komödie” nicht genauso beleidigend ist wie “RomCom” wäre. Johnnie To gelingt mit Man Yeuk das Kunststück einer federleichten Gangsterfilm-Parodie, die weder peinlich noch langweilig ist.

Sweet Food City (Cubix): Experimentalfilm + weiche Sitze + Schlafmangel: eine gefährliche Mischung. Ich gebe zu, ich habe Teile des Films verschlafen und die Untertitel waren auch nur bedingt hilfreich. Trotzdem ein interessanter, halbdokumentarischer Film über den Verfall eines Neubau-Viertels in Dalian in Nordchina und endlich mal ein ganz anderer Blick auf China. Ohne das Regisseurgespräch hätte ich den Film wohl nicht ganz verstanden. Das war allerdings wirklich gut, wenn auch ein wenig peinlich***, wie immer, wenn chinesische Regisseure in Deutschland auftreten.

Otto; or, up with Dead People (Cinestar): Seit “Durch die Nacht mit Jörg Buttgereit und Bruce LaBruce” liebe ich Bruce LaBruce. Und Otto… zeigt, dass er nicht nur ein liebenswerter Mensch ist, sondern auch noch ein guter Filmemacher. Ich hatte Horror-Trash erwartet, bekam aber ein warmherziges Low Budget-Movie über das Filmemachen (und Kunstblut und Gedärme). Und Bruce LaBruce danach noch im Regisseursgespräch! ❤

*Ich überlege noch, wie viel schlimmer die Hassfilme L. A. Crash und Princess waren. Allerdings treiben diese Überlegungen meine Gehirnzellen in den kollektiven Selbstmord.

**Und ich fand schon Traffic scheiße. Meine Güte, gegen diesen Dreck ist Traffic in der Tat das subtile Oscar-preisgekrönte Meisterwerk, für das Traffic vom Rest der Welt gehalten wurde.

*** Ohne die eklatanten Menschenrechtsverletzungen in China kleinreden zu wollen, ist ein Regisseursgespräch nicht der richtige Zeitpunkt, um diese Dinge anzusprechen, insbesondere wenn man sich überlegt, was es für Konsequenzen für den Regisseur haben könnte, wenn er sich kritisch äußert. Und vor allem gibt es keinen Grund, solche Fragen auch noch so arrogant vorzutragen.

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Helau (mit Hass gekocht)

Mein erster (und hoffentlich letzter) Karnevalsumzug. Das Wetter war schön, irgendein bekloppter Nachbar terrorisierte seit einer Stunde das ganze Haus mit Gitarrenübungen (plong, ploooong, plingplong, pling… ad nauseam) und den Lärm hätte ich eh gehört.

Ich gebe zu, mir fehlt sowohl die Sozialisation als auch der “Humor”, um Karneval auch nur annähernd zu begreifen und/oder zu mögen, obwohl ich mich gern verkleide. Ich kann ja auch weder über deutsches Polit-Kabarett noch über RTL-Comedy lachen, was wahrscheinlich Teil meines Problems mit Karneval ist.

Nunja, trotzdem stand ich also vor dem Haus und spielte mit dem Gedanken, den SUV meines Nachbarn, der mal wieder illegalerweise im Hauseingang geparkt war, im ganzen Trubel zu demolieren. Leider war genau hier die Menschenmenge besonders dünn (man demolierte lieber kollektiv den Brunnen). Es gab ein paar Kamelle (bzw. Eukalyptus-Bonbons, sehr praktisch bei meinem momentanen Halsbonbon-Verbrauch), keine kostenlose Bratwurst (ich wollte mich nicht mit kampfbereiten Rentnern kloppen) und kein kostenloses Bier (weil selbst kostenlos noch zu teuer für das lokale Bier ist). Außerdem gab es sympathisch-dilettantische Wagen zum Thema “Doping” zu sehen, einen unverständlichen Wagen mit einer verstörenden Hexen(?)-Pappfigur mit einer Fackel in der Hand, die beinahe vom Wagen fiel, und diverse unsympathisch-dilettantische Wagen zum Thema Olympia, auf der sich Leute mit gelbschminkten Gesichtern, “chinesischen” Hüten, “typischen” Bärten und Zähnen und seltsamen gelben Kunstseidenroben mit “chinesischem” Gekrakel tummelten. Wobei die Wahrscheinlichkeit, dass die Roben in China hergestellt wurden, schon sehr groß ist, auch wenn leider keine lustigen Sachen darauf geschrieben waren (ich würde ja eine Faschingskollektion mit Roben entwerfen, auf denen “wer das liest, ist doof”, “der Träger ist leider im 19. Jahrhundert stecken geblieben” und “Karneval ist nicht lustig” steht). Jedenfalls betrüblich, dass Leuten, die ein Jahr Zeit haben, sich etwas kreatives auszudenken, nichts besseres einfällt, als auf ekelhafte Stereotypen des 19. Jahrhunderts zurückzugreifen. Allerdings sind ja auch noch andere Orte in Thüringen (hallo Weimar! oh, how I loathe thee…) im 19. Jahrhundert steckengeblieben, da braucht man sich nicht zu wundern.

Fazit:

Bratwurst statt Kamelle, ganz prima (und auch prima- die Platzierung des Lichtflecks rechts):

Und falls ich mal ganz viel Zeit haben sollte, lese ich auch das hier noch komplett:
Tsingtao- Ein Kapitel deutscher Kolonialgeschichte in China 1897-1914

Klaus Mühlmann- Herrschaft und Widerstand in der Musterkolonie Kiautschou

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Here’s to the atom bomb

Nachdem mein Gehirn wieder einigermaßen in meinen Kopf zurückgekehrt ist- warum muss auch der erste Anblick bei der Rückkehr ein wohlbekannter Dozent sein, der Wackersteine über eine Wiese rollt- jetzt mein Bericht vom Rock im Park 2007.

Zunächst mal: Ich fühle mich sehr alt. Allerdings fand ich Dixi-Klos und Zelte Anzünden noch nie lustig, genauso wenig, wie Müll in irgendwelchen Seen zu entsorgen (auch wenn die eh schon aussahen, als seien sie längst umgekippt). Mit 16 hätte ich mich auch noch deutlich mehr über die Umweltverschmutzung aufgeregt, es waren schließlich die 90er, und man glaubte allgemein, dass man den Regenwald und damit das Weltklima noch irgendwie retten könne. Während ich noch ein wenig Verständnis dafür aufbringen könnte, überteuerte Hot-Dog-Stände anzuzünden (4 Euro für 1 Mega-Hot-Dog, ne, günstig) oder den Besitz der Person, die beschlossen hatte, für das Füllen von Wasserkanistern Geld zu verlangen (fucking cunts), kann ich beim besten Willen nicht verstehen, weswegen man Dixi-Klos umschmeißen und/oder anzünden muss. Naja, ich verstehe ja auch nicht, weswegen man eine Menge Geld (130 Euro) dafür bezahlt, sich drei Tage so dermaßen zu besaufen, dass man nichts vom eigentlichen Festival mitbekommt, das geht doch viel günstiger auf dem Parkplatz hinterm Kaufland, und Bratwürste und Bier gibt’s dort auch. Randale gab’s an dem Wochenende viel günstiger und “lustiger” auch in Rostock und Umgebung. Naja. Auch verstehe ich nicht, wofür die Camping-Platz-Security eigentlich da war, außer mit Scootern in der Gegend rumzudüsen, wenn die nicht mal verhindern kann, dass zweimal hintereinander am helllichten Tag Dixi-Klos abgefackelt werden.

Dass die Camping-Plätze überfüllt sein würden, war eigentlich schon klar, als bekannt wurde, dass das Festival ausverkauft sei, beim Hurricane 2004 war es ähnlich unschön. Die Idee, parallel zum Festival ein Fußball-Länderspiel stattfinden zu lassen, war hingegen eher ambitioniert. Bösartigerweise könnte man den Planern unterstellen, sie hätten sich darauf verlassen, dass das ja früher auch schon prima geklappt hatte. Mal abgesehen davon, dass der Weg zum Schwimmbad dadurch “etwas” komplizierter wurde (aber schön, normalerweise klettern Leute unter dem Zaun durch, um aufs Festivalgelände zu kommen, wir um endlich raus zu kommen) und mal abgesehen davon, dass Muse etwas später anfangen mussten, um nicht die Nationalhymnen zu stören, ging es wirklich einigermaßen. Und 2,50 Euro für zwei delikate fränkische Bratwürste am Stadion erschienen einem nach den Festivalpreisen auch wie eine milde Gabe.

Immerhin scheint das exzessive Helga-Geschreie zurückzugehen, vielleicht lag es aber auch daran, dass SLAYER!!! spielten, und man SLAYER!!! eh viel besser schreien kann.

Nun aber zum Wichtigsten, der Musik:

Freitag: Der Tag begann grauenvoll mit Revolverheld und Good Charlotte und ordentlichem Regen, aber dafür gibt es ja Gummistiefel und Ohrenstöpsel. Und nach dem Hurricane-Festival letztes Jahr ist ja eh alles, was nicht zu nicht zu knietiefem Wasser auf dem Gelände führt, kein richtiger Regen (genauso wie Haldern-Besucher wissen, dass solange die Kopfhaut nicht zu erfrieren scheint, das Duschwasser nicht kalt ist). Besser wurde es dann schon mit Travis, die jede Menge altes Zeug spielten und damit Männer zum Weinen brachten. Schön. Dafür erträgt man auch fast die immer noch völlig entsetzlichen Mia., die immer vor der Band zu spielen scheinen, die ich unbedingt sehen will. Angenehmerweise wollten nach Mia. fast alle die Ärzte sehen, so dass auf der Alternastage etwas Platz war, und auch bei den Scissor Sisters nur die Leute da waren, die unbedingt die Band sehen wollten. Die Scissor Sisters waren gut wie immer, allerdings war die Show weniger explizit als noch vor einem Jahr auf dem SonneMondSterne, dafür war das Outfit von Jake Shears sensationell toll und eng. Nach so viel Popmusik hatte ich keine Lust mehr auf Wir Sind Helden, so dass ich in Ermangelung von Alternativen bei Dragonforce landete, die wie ich einem T-Shirt entnehmen konnte, immerhin beim Wacken 2005 auf der True Metal-Stage spielen durften (übrigens Riesen-Film: Full Metal Village), wie ich einem T-Shirt entnehmen konnte. Naja. Zum Abschluss des Tages kamen dann endlich Megadeth, die trotz endloser Umbaupause einen sehr schlechten Sound hatten.

Sonnabend begann mit der Schwimmbad-Odyssee, weswegen ich The Cribs verpasste, ebenso wie The Cat Empire. Aber The Hives als Auftakt sind ja auch immer wieder schön. The Hives sind neben Turbonegro sowieso die beste Festivalband, weil die zu jeder Tageszeit funktionieren. Danach ging es zu Maxïmo Park, die sehr, sehr gut waren. Vor der Bühne war der beste Moshpit, in dem ich seit Jahren war. Ein absolutes Highlight. “Die haben schon einige Hits” trifft es ganz gut. Abends ging es dann weiter mit Muse, die irgendwie bei Tageslicht nur halb so eindrucksvoll sind, aber trotzdem sehr gut waren. Dann die Flucht vor der Nu Metal-Boygroup Nr. 1 Linkin Park zur Alternastage, wo leider Emo-Boygroup Nr. 1 My Chemical Romance noch 20 Minuten kalkulierte Emotionen darbrachte. Brrr. Geschickterweise hätte man Muse auf der Alternastage spielen lassen sollen, um das Line-Up des Grauens Billy [no] Talent, MCR und Linkin Park hintereinander auf einer Bühne spielen zu lassen. Oder vielleicht auch gleichzeitig, egal, nur bloß nicht in meiner Gegenwart. Weiter ging es jedenfalls mit den Arctic Monkeys, die leider etwas wenig Bühnenpräsenz hatten, was aber die Leute nicht davon abhielt, zu den Songs zu feiern. Und war es vorher schon recht voll gewesen, wurde jetzt der Platz bis auf den letzten Quadratmillimeter gefüllt, denn die White Stripes traten nach reichlich langer Umbaupause auf. Hurra! Endlich mal eine Band, die ich noch nie vorher gesehen hatte. Es gab Hits (Hotel Yorba, Jolene, Black Math, I don’t know what to do with myself, und klar, Seven Nation Army) und neue Songs und Gitarrengeschrammel als Überleitung zwischen den Songs, was meistens recht fein war, mich allerdings zu ersten Stoßgebeten veranlasste, dass die Smashing Pumpkins am nächsten Tag auch noch was anderes als Billy Corgan-Gitarrensolos spielen würden… Danach die Flucht vor Evanescence, die sich ein ganz klein wenig schwierig gestaltete, denn plötzlich fiel doch auf, dass dieses Jahr 20.000 Menschen mehr da waren, die auch alle vor Evanescence flohen.

Sonntag: Der Tag begann mit abgebrannten Dixi-Klos und eiskalten Duschen (Haldern-Style). Musikalisch gab es zum Frühstück Fair To Midland, die genauso langweilig wie ihr Name waren und dann die Fratellis, die erstaunlich gut waren und auch jede Menge fröhliche Fans dabei hatten. Danach gab’s eine gute Sudafed, die meine Festivalerkältung erfolgreich beseitigte, so dass meine Vorfreude auf die Smashing Pumpkins zurückkehrte. Nach dem Mittagessen ging es zu den Kaiser Chiefs, die ich mittlerweile leider nicht mehr ertrage, mal von “I predict a riot” abgesehen (und da bevorzuge ich die Girls Aloud-Version). Mando Diao danach waren zum ersten Mal (von vier Auftritten, die ich mittlerweile gesehen habe) unterhaltsam und gut, was aber auch an dem relativen Mangel an kreischigen Mando Diao-Mädchen und der sehr guten Security vor der Bühne gelegen haben kann. Der Einlass in den Teil zwischen Bühne und Crowdbreaker war bestens organisiert und funktionierte exzellent. Dadurch war es bei den Beatsteaks auch sehr angenehm vor der Bühne, obwohl exzessiv rumgesprungen wurde. Mal von den beiden deutschen Liedern abgesehen waren die Beatsteaks super, und mein T-Shirt danach klatschnass.

Dann wurde endlich, endlich für die Smashing Pumpkins aufgebaut und endlich tauchten ein paar Menschen in Zero-T-Shirts auf. Hurray. Dann nach 6 1/2 Jahren- Die Rückkehr der Smashing Pumpkins. Der Auftritt begann sehr erfreulich mit “Tonight, Tonight”. Zu meinem großen Erstaunen wirkte die Band auch wirklich wie eine Band, nicht nur wie eine Ansammlung von Mietmusikern. Sollte es also wirklich nochmal funktionieren? Die neuen Songs klangen vielversprechend, vor allem im Vergleich zum Billy Corgan-Soloalbum, was ich genau einmal unter Schmerzen gehört habe. Rausch, Wahnsinn, Maßlosigkeit? Klar, alles dabei, aber auch ein Gitarrensolo für den neuen Gitarristen und ein Bass-Solo für die neue, sehr gute Bass-Frau, die sogar etwas singen durfte. Außerdem genauso exzessives Crowdsurfen wie früher. “Do you wanna go for a ride?” Oh yeah. Nach fast allen Über-Hits und sehr vielen neuen Songs gings dann in die Zugabe, die mit “Cherub Rock” sehr vielversprechend begann. Dann allerdings wurde es sehr bizarr. Die Bühne betrat ein in blauen Crash-Samt gewandeter Mann mit langem grauen Haar (mit Stirnband, klar) und einer Gitarre und fing an, zusammen mit Billy Corgan rumzugniedeln. Der neue Gitarrist hatte da schon unbemerkt die Bühne verlassen. Das Publikum erstarrte. Mir fielen die Gerüchte um eine Scorpions-Kollaboration wieder ein. Fast richtig geraten übrigens: Es handelte sich bei dem Langhaarigen um Uli Jon Roth (bitte Website beachten). Nach ca. 5 Minuten gab es eine Welle von Applaus, der aber das Solo-Gegniedel leider nicht beendete, danach lichteten sich die Reihen. Diese klugen Menschen hatten geahnt, was jetzt noch kam: Ein Mann, der auf der ersten Blick wie H.P. Baxxter von Scooter oder wie Farin Urlaub aussah, betrat mit Gitarre die Bühne (es war übrigens Rudolf Schenker von den Scorpions) und mein Gehirn verabschiedete sich endgültig. Jaaa, mehr Gitarren-Gegniedel. OMG. Wanking off in public, indeed. Nach freundlich geschätzten 15 Minuten war es dann endlich vorbei und erleichterter Applaus verabschiedete die Band. Plötzlich war ich sehr froh, keine Karte für das Konzert in Berlin gekauft zu haben. Zum Schluss noch eine Runde Extra-Applaus wie Billy Corgan, der bei solchen Gelegenheiten immer wie Jack Skellington aus Nightmare Before Christmas wirkt (oder generell wie jemand, der aus einem Tim Burton-Film entlaufen ist) und alles war vorbei. Naja, noch etwas Slayer zur Erholung und ca. 100 nett-verrückte Menschen, die “Folgt dem Stuhl” brüllend über den Campingplatz prozessierten, was nur halb so bizarr wie die Zugabe der Smashing Pumpkins war.

Fazit? Gut, aber…

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Ein Update, ein Update!

Kurzes Film-Bla:

Internationales Trickfilm Festival Stuttgart: Unübersichtlich. Bill Plympton war super, seine Filme auch. Princess hingegen war der schlechteste Film, den ich seit L. A. Crash gesehen habe. Ein prätentiös-moralisches Meisterwerk, das Leuten, die L. A. Crash ganz doll nachdenklich fanden, super gefallen müsste. Bitte nicht ansehen, das Leben ist zu kurz für solche Filme.

Robert Altman’s Last Radio Show (bzw. A Prairie Home Companion) hat zwar einen seltsamen deutschen Titel, ist aber ein ganz wundervoller, warmherziger Film, der einen schmerzlich daran erinnert, was für ein großer Verlust der Tod von Robert Altman ist. Der Film erinnert in seiner Altersweisheit und Todesvorahnung an die letzten Johnny Cash-Platten, und ist ebenso traurig und gleichzeitig tröstlich, melancholisch und doch hoffnungsvoll- also in jeder Sekunde so großartig, wie es Dominik Grafs Artikel (in der FAZ vom 11.4.07, leider kostenpflichtig) hoffen ließ. Überhaupt: Ich schätze zwar Dominik Graf als Regisseur nicht sonderlich, aber seine Artikel über Filme sind fantastisch.

Ansonsten:

-Ich habe jetzt eine Karte für Rock im Park (Oh Schreck!), und ich freue mich wie bescheuert auf die Smashing Pumpkins (Oh Schreck, oh Schreck!). Und das ist mir noch nicht mal peinlich (Oh Schreck!)³! Das Wort “Schreck” sieht übrigens sehr merkwürdig aus.

- Der hässlichste Becher der Welt (natürlich nicht der Snooker-Becher im Hintergrund):

- Bratwurstkonzert- jetzt mit Gesang. Ein Grauen. Ich verdränge dieses Event immer über den Winter und bin dann immer wieder aufs Neue schockiert.

- Spitzenmäßig wie jedes Jahr: das Freibad. Bei schlechtem Wetter schön leer, dabei fühlen sich bei 13°C Außentemperatur die 23°C Wassertemperatur mindestens wie 30°C an.

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Nippon Connection 2007

(Mir fällt gerade auf, dass ich noch einen halben Eintrag zur Nippon Connection 2006 unter Drafts liegen habe. Naja.)

3 Tage, 8 Filme- eine okaye Ausbeute. Letztes Jahr waren es ein oder zwei Filme mehr, aber dafür war es dieses Jahr entspannter. Zum Wii-Spielen bin ich trotzdem nicht gekommen. Dafür habe ich sehr erstaunliche Teile von Frankfurt gesehen auf der Suche nach dem Filmtheater Valentin in Frankfurt-Höchst. Dort ohne Ortskenntnisse und nur mit dem Nippon Connection-Heft bewaffnet hinzufahren, ist so generell erstmal keine gute Idee, weil der Stadtplan im Heft, nun ja, eher nicht so detailiert ist. Auch der Polizist am Bahnhof Höchst konnte mir leider nicht erklären, wie man dort hinkommt, er kenne sich nicht aus (ach so). Dafür wusste der Kiosk-Besitzer Bescheid: “Das ist da beim dem Gefängnis, das kennen Sie doch sicher?” Kannte ich nicht, aber der Hinweis war in der Tat richtig. Einfach beim Gefängnis links abbiegen, nachdem man vorher gerade aus vom Bahnhof weg gelaufen war (Seite Adelonstraße). Und dank meiner Pfadfinder-sKiLlZ konnte mich dann auch noch am Stand der Sonne orientieren, so dass ich genau 5 Minuten vor Beginn von “Nightmare Detective” eintraf.

Ein bisschen unglücklich war der Infoscreen am S-Bahn-Gleis unten im Frankfurter Hauptbahnhof, der wenige Sekunden vor Einfahrt der S-Bahn (höhere Taktfrequenz würde übrigens gerade nach Fußballspielen nicht schaden) den traurigen Eintrachtfans “Nur noch wenig Hoffnung für Frankfurt im Abstiegskampf” anzeigte. Glücklicherweise war’s ein Kurzzug, der knapp vor dem Infoscreen hielt. Vielleicht ist auch Sich-vor-die-einfahrende-S-Bahn-werfen in Deutschland nicht so populär und meine Befürchtungen eher auf “Noriko’s Dinner Table”zurück zu führen, den ich vorher geguckt und durchlitten hatte.

Ach, und noch was, bevor es zu den Filmen geht: Das Festival-Zentrum liegt neben dem Senckenbergmuseum, das von zwei stattlichen Dinosaurier-Modellen bewacht wird. Tagelanges Bestaunen ließ mein Dino-Nerdtum wiedererwachen, so dass ich Sonntag den unbändigen Wunsch verspürte, mir ein Dino-T-Shirt zu kaufen (vielleicht hatte ich auch einen Sonnenstich). Leider jedoch gab es im Gift-Shop des Senckenberg-Museums keine Dino-T-Shirts, nur große Pteranodone aus Plastik und jede Menge lehrreiches Zeug wie Gesteine, Dinobücher und Weltkarten, nicht den Ramsch, den ich gerne gekauft hätte (Ankylosaurus-Druckbleistift, Dino-Lollies etc.). Tz. Dann muss ich mir also mein Dino-T-Shirt selbst malen.

Nun aber zu den Filmen:

The World Sinks Except Japan: Eine sensationell lustige Parodie auf Nippon Chinbotsu (bzw. dem Remake Nihon Chinbotsu) von Super-Regisseur und überzeugten Hawaii-Hemd-Träger Minoru Kawasaki, der schon mit Executive Koala, Calamari Wrestler und ähnlichem Trash begeisterte. Der Film ist mit eher unbegabten Schauspielern besetzt, enthält aber so viele Wahrheiten über Japan und Ausländer in Japan, dass er deutlich über bloßen Trash hinausgeht. Mein Festival-Highlight. Leider funktioniert die Website www.all-chinbotsu.com momentan nicht.

Uncle’s Paradise: Ein Pink-Film, also vorgeschriebenes Rumgeficke mit möglichst abgedrehter Story. Hier eine bizarre Geschichte von einem Mann, der nicht einschlafen will, weil er dann Alpträume bekommt und sich mit Energy Drinks und Sex wach hält. Später landet er mit seinem Neffen dann noch in der Hölle, die sehr fein trashig gestaltet war und nach 64 Minuten ist auch schon alles vorbei. Recht lustig.

Yokohama Mary: Dokumentation über eine weißgeschminkte Frau, die jahrzehntelang durch die Straßen Yokohamas geisterte, und ihre Freunde und Yokohama selbst. Sehr tolles, herzzerreißendes Thema, leider hatte die Dokumentation zwischendrin einige Längen, für die das Ende allerdings entschädigte.

Noriko’s Dinner Table: 159 lange Minuten, nach ca. 2 Stunden fällt ungefähr der Satz “Mir lief Rotz aus der Nase und ich musste man dringend auf die Toilette”, bei dem nicht nur ich daran erinnert wurde, dass es mir genauso geht. Die Geschichte wird kapitelweise aus der Sicht der verschiedenen Hauptpersonen erzählt, es wird viel geweint, 54 Mädchen springen gleichzeitig vor eine S-Bahn, andere werden erstochen, und wenn das alles nicht so lange gedauert hätte, hätte ich den Film auch richtig gut gefunden. So torkelte ich komplett benommen (aber nicht gut benommen wie nach The Fountain) und ausgelaugt aus dem Kino.

Nightmare Detective: Mmh, Horror. Und zwar sogar recht gruseliger mit reichlich Gore (mmh, Gedärme) dabei. Klar, ein bisschen voraussehbar, aber so gut gemacht, dass man gar nicht dazu kommt, über das Ende nachzudenken. Vielleicht sogar auch noch beim zweiten Sehen gruselig.

Nikomihoppy: Noch ein Pink-Film. Im direkten Vergleich fällt auf, dass die Sexszenen anscheinend immer gleich inszeniert werden: Einmal ist der Mann oben und grabscht der Frau ein bisschen uninspiriert an der Brust rum, einmal ist die Frau oben (wieder uninspiriertes Gegrabbel), dann noch eine Szene von hinten und eine Blowjob-Szene, bei der man allerdings nicht so richtig was sieht. Und grundsätzlich wird weggeschnitten, bevor einer der beiden zum Orgasmus kommt (käme ich allerdings auch nicht, weil ich mich über das Brust-Gegrabbel kaputtlachen würde). In einem Wort: langweilig. Da muss die Story schon ein bisschen was reißen (siehe Uncle’s Paradise). Bei Nikomihoppy ging es um Pferdewetten und Ex-Freundinnen, was zwar ganz ok, aber nicht besonders aufregend war. Naja.

Yubari International Fantastic Film Festival 2 - Yubari “Indies Actress: Hiromi Miyagawa” Special: Bestand aus zwei Filmen. Tokyo Lady bestand hauptsächlich aus Sexszenen und ein bisschen unverständlich untertiteltem Dialog. Laut Programmheft ging es um Verständigungsschwierigkeiten in Beziehungen, was gut nachvollziehbar war. Love Song For A Rapper war ebenso schlecht untertitelt, was nicht ganz so schlimm war, da die sehr bunte Geschichte von zwei gestörten Brüdern auch ohne große Worte verständlich war. Mit den imdb-Keywords “Training, Rape, Anal Sex, Dead Bird, Dysfunctional Family, Baseball, Gore, Surreal, Cola Can, Vagrant, Comic Book Artist, Sword, Strong Language, Black Comedy” ist der Inhalt recht gut zusammengefasst. Die Sexszenen waren übrigens deutlich interessanter als die in den Pinkfilmen.

Love On Sunday: Noch ein Highlight zum Abschluß. Ein total entzückender, rührender Film über vier Highschool-Schüler. Die Darsteller sind hervorragend, die Drehorte wunderbar, die Geschichte ein bisschen vorhersehbar, aber trotzdem großartig. Einer der tollsten Teenie-Filme, die ich je gesehen habe. Erzeugt dieses zart-schmelzende Gefühl von Nostalgie, für das es im Japanischen ein Extra-Wort gibt, welches ich immer wieder vergesse. Sehr empfehlenswert.

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Berlinale 2007

Zurück in der Wirklichkeit (oder zumindest so was ähnlichem; “Leiche im Gleisbett”, liebe Bahn, das meint ihr doch nicht ernst*)… ich fühle mich immer noch, als hätte ich mindestens neun Zeitzonen durchquert und mein Gehirn gleicht einem stotternden Motor, der nicht anspringen will. Zumindest konnte ich gestern beim Arzt die Frage “Wo haben Sie denn die blauen Flecken her?” eindrucksvoll damit beantworten, dass ich verpennt gegen einen Stuhl lief, der sich fieserweise in meinen Weg gestellt hatte.

Aber eigentlich soll es hier gar nicht um billigen Slapstick gehen, sondern um die Berlinale.

Ein paar generelle Bemerkungen:
- Es war extrem stressig, weil die Kinos doch recht weit auseinander liegen und man ja ab und zu mal was essen und trinken muss.
- Kulinarisches Highlight: Maple Frosted Donut von Dunkin’ Donuts. Schön auch die beiden leicht anorektischen Mädchen, die sich angeekelt in der Bahn wegsetzten, als wir unsere 6er Box Donuts auspackten.
- Cubix 9 am Alexanderplatz hat die tollsten Sessel überhaupt. Allerdings ist “kann man gut drin schlafen” nicht unbedingt das beste Kriterium für einen Kino-Sitz.
- Etwas seltsam waren die Karten-Abreiß-Vorschriften: Mal wurde die Karte eingerissen, mal bekam man die Karte mit nur einem Abriss, mal mit zwei, einmal wurde mir unterstellt, eine bereits abgerissene Karte vorzuzeigen. Verwirrend.

Nun aber zu den Filmen:

Tekkonkinkreet (Zoopalast 4): Anime nach einer Manga-Vorlage. Leider mit einigen Längen, aber sehr schönen Bildern in einem ungewöhnlichen Stil. Durchaus empfehlenswert. Hätten wir doch bloß das Poster geklaut! Der Regisseur war ein Amerikaner, der seit 15 Jahren in Japan lebte und extrem langsam sprach, weswegen wir doch recht schnell aus der Fragestunde flohen.

The Tracey Fragments (Cubix 9): Ein 15jähriges Mädchen rennt zu toller Musik** panisch durch eine kanadische Stadt auf der Suche nach dem verschollenen 9-jährigen Bruder. Eine irre Mischung aus “Don’t Look Now” und “Catcher In The Rye”. Sehr ungewöhnliche Bilder (viele Kameraeinstellungen auf einmal, der Regisseur verglich die Bildkomposition auch zurecht mit einem Mondrian-Gemälde) und eine unheimlich gute Hauptdarstellerin, vielleicht mein Lieblingsfilm des Wochenendes, und zumindest der, der mich am nachhaltigsten beeindruckt hat.

I’m A Cyborg, But That’s Ok (Urania): Meine Erwartungen an diesen Film waren unendlich hoch, unfairerweise, denn was sollte nach dem perfekt durchkomponierten Meisterwerk “Lady Vengeance” noch kommen? Ein großartiger Vorspann, eine seltsame Geschichte und Leute, die nach 20 Minuten das Kino verliessen, warum auch immer.*** Auch fast eine Woche später weiß ich nicht genau, was ich von dem Film halten soll. Er ist unheimlich schön, er ist sehr bunt, er ist sehr traurig, er ist sehr lustig, er ist bizarr und es wird gejodelt. Allerdings ist er in seiner Erzählstruktur und Kamera im Vergleich zu The Tracey Fragments sehr konventionell, auch wenn der Vergleich sehr unfair ist, bemüht sich doch The Tracey Fragments vor allem um Realismus, während Chan-Wook Park mit I’m A Cyborg… alles andere außer Realität im Sinn hatte. Oder?
Jedenfalls muss ich diesen Film noch ungefähr 1 bis 10 mal gucken, möglichst auch nicht in der 3. Reihe ganz außen mit einem Kopf vor mir, der die Mitte der Untertitel überdeckt.

Gen Zong- Eye in the Sky (CineStar 8, Potsdamer Platz): Recht konventionelles Hong Kong-Krimi-Kino (seltsamerweise nicht mit dem kantonesischen Originaltitel angekündigt, sondern mit dem hochchinesischen). Aber mit der Stadt (der großartigsten Stadt der Welt) in der Hauptrolle, weswegen mich der Film sehr glücklich gemacht hat. Allerdings massiv peinlich war die Fragerunde nach dem Film, in der zunächst die Mikros nicht funktionierten, die Moderatorin schlecht vorbereitet war und aus dem Publikum Fragen wie “Wie realistisch ist ihre Darstellung der Polizei-Arbeit, die chinesische Polizei ist doch als sehr korrupt bekannt?” kamen.

Eagle vs. Shark (Zoopalast 4): Ein typischer Sundance-Film, allerdings aus Neuseeland, was allerdings außer den typischen Hobbit-Wiesen und einer kurzen Erwähnung von Netball nicht weiter auffiel. Verschrobener Nerd (Tautologie, ich weiß) trifft sehr geduldige Frau, eine chaotische Liebesgeschichte entwickelt sich. So weit, so oft genug gesehen, aber immer wieder nett, schließlich habe ich auch unzählige ähnlich klingende CDs von britischen Gitarrenbands im Regal stehen. Allerdings hatte ich während des Films mehrfach das Bedürfnis, der Hauptdarstellerin zu zu rufen, dass sie sich nicht so von dem Typen quälen lassen solle.

Comrades in Dreams- Leinwandfieber (Cubix 8): Dokumentation über Kinomacher in aller Welt, d.h. in Nordkorea, den USA, Burkina Faso und Indien. Sehr faszinierend, insbesondere der Teil in Nordkorea, sehr amüsant (warum “Titanic” in Indien nicht funktioniert hat) und vor allem sehr sentimental, man merkte deutlich, dass der Regisseur selber lange Jahre als Vorführer gearbeitet hatte.

Luo Ye Gui Gen- Getting Home (Cubix 8): Eine sehr schwarze Komödie um einen Mann, der seinen verstorbenen Freund von Südchina bis zu den Drei Schluchten des Yangtse transportiert. Wunderschöne Landschaftsaufnahmen und eine abwechslungsreiche, sher unterhaltsam erzählte Geschichte. Sollte im Gegensatz zu diesem Mist mit Jennifer Lopez im Wettbewerb laufen, aber dass das Festival von Menschen ohne Geschmack geleitet wird, ist ja nichts neues.

Jigoku no kyôen - Procurer Of Hell (Delphi-Kino): Kein neuer Film, sondern von 1961, der im Rahmen einer großen Kihachi Okamoto-Retrospektive lief. Ein sehr stark an französische Filme der 60er Jahre erinnernder Film noir, der vor allem wegen seiner Bilder von Tokyo interessant ist. Und wegen der starken Frauenfiguren, die ich nicht in so einem Film erwartet hätte.

* Vorgestern abend, ICE von Hamburg nach Erfurt über Berlin und Leipzig: Zug hält im Niemandsland zwischen Hamburg und Berlin. “Wegen einer Leiche im Gleisbett verzögert sich unsere Weiterfahrt.” … “Wir bekommen demnächst einen Lotsen an Bord, der wird dann den Zug über Stendal nach Berlin leiten.” … “Wir haben momentan eine Verspätung von mehr als einer Stunde und beginnen jetzt mit dem Austeilen der Verspätungsgutscheine.” … “Wegen einer Person im Gleisbett mit Notarzt-Einsatz musste der Zug leider außerplanmäßig halten. Es stellte sich dann heraus, dass die Person bereits tot war, und der Zug musste daraufhin umgeleitet werden. ” Args. Stendal liegt übrigens in Sachsen-Anhalt, falls es jemanden interessiert.

** “Horses” von Patti Smith (gecovert von Broken Social Scene). Ich liebe “Horses”. Und dann war der Song auch noch genau so umgesetzt, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Da hatte der Film schon gewonnen.

*** Ich spare mir die Hasstiraden für einen anderen Post. Kill ‘em all.

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Mobloggen war gestern…

Heute wird deutlich komfortabler ge-DS-bloggt [Notiz an mich: Dringend neues Wort kreieren.]. Aber meinen großen Berlinale-Bericht gibt es trotzdem erst demnächst oder noch später. Jetzt muss ich erstmal die tollen Sonderzeichen ausprobieren: ♭※∴∞「」*×〒%±•…/\♪¿¡Œ

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