Nachdem mein Gehirn wieder einigermaßen in meinen Kopf zurückgekehrt ist- warum muss auch der erste Anblick bei der Rückkehr ein wohlbekannter Dozent sein, der Wackersteine über eine Wiese rollt- jetzt mein Bericht vom Rock im Park 2007.
Zunächst mal: Ich fühle mich sehr alt. Allerdings fand ich Dixi-Klos und Zelte Anzünden noch nie lustig, genauso wenig, wie Müll in irgendwelchen Seen zu entsorgen (auch wenn die eh schon aussahen, als seien sie längst umgekippt). Mit 16 hätte ich mich auch noch deutlich mehr über die Umweltverschmutzung aufgeregt, es waren schließlich die 90er, und man glaubte allgemein, dass man den Regenwald und damit das Weltklima noch irgendwie retten könne. Während ich noch ein wenig Verständnis dafür aufbringen könnte, überteuerte Hot-Dog-Stände anzuzünden (4 Euro für 1 Mega-Hot-Dog, ne, günstig) oder den Besitz der Person, die beschlossen hatte, für das Füllen von Wasserkanistern Geld zu verlangen (fucking cunts), kann ich beim besten Willen nicht verstehen, weswegen man Dixi-Klos umschmeißen und/oder anzünden muss. Naja, ich verstehe ja auch nicht, weswegen man eine Menge Geld (130 Euro) dafür bezahlt, sich drei Tage so dermaßen zu besaufen, dass man nichts vom eigentlichen Festival mitbekommt, das geht doch viel günstiger auf dem Parkplatz hinterm Kaufland, und Bratwürste und Bier gibt’s dort auch. Randale gab’s an dem Wochenende viel günstiger und “lustiger” auch in Rostock und Umgebung. Naja. Auch verstehe ich nicht, wofür die Camping-Platz-Security eigentlich da war, außer mit Scootern in der Gegend rumzudüsen, wenn die nicht mal verhindern kann, dass zweimal hintereinander am helllichten Tag Dixi-Klos abgefackelt werden.
Dass die Camping-Plätze überfüllt sein würden, war eigentlich schon klar, als bekannt wurde, dass das Festival ausverkauft sei, beim Hurricane 2004 war es ähnlich unschön. Die Idee, parallel zum Festival ein Fußball-Länderspiel stattfinden zu lassen, war hingegen eher ambitioniert. Bösartigerweise könnte man den Planern unterstellen, sie hätten sich darauf verlassen, dass das ja früher auch schon prima geklappt hatte. Mal abgesehen davon, dass der Weg zum Schwimmbad dadurch “etwas” komplizierter wurde (aber schön, normalerweise klettern Leute unter dem Zaun durch, um aufs Festivalgelände zu kommen, wir um endlich raus zu kommen) und mal abgesehen davon, dass Muse etwas später anfangen mussten, um nicht die Nationalhymnen zu stören, ging es wirklich einigermaßen. Und 2,50 Euro für zwei delikate fränkische Bratwürste am Stadion erschienen einem nach den Festivalpreisen auch wie eine milde Gabe.
Immerhin scheint das exzessive Helga-Geschreie zurückzugehen, vielleicht lag es aber auch daran, dass SLAYER!!! spielten, und man SLAYER!!! eh viel besser schreien kann.
Nun aber zum Wichtigsten, der Musik:
Freitag: Der Tag begann grauenvoll mit Revolverheld und Good Charlotte und ordentlichem Regen, aber dafür gibt es ja Gummistiefel und Ohrenstöpsel. Und nach dem Hurricane-Festival letztes Jahr ist ja eh alles, was nicht zu nicht zu knietiefem Wasser auf dem Gelände führt, kein richtiger Regen (genauso wie Haldern-Besucher wissen, dass solange die Kopfhaut nicht zu erfrieren scheint, das Duschwasser nicht kalt ist). Besser wurde es dann schon mit Travis, die jede Menge altes Zeug spielten und damit Männer zum Weinen brachten. Schön. Dafür erträgt man auch fast die immer noch völlig entsetzlichen Mia., die immer vor der Band zu spielen scheinen, die ich unbedingt sehen will. Angenehmerweise wollten nach Mia. fast alle die Ärzte sehen, so dass auf der Alternastage etwas Platz war, und auch bei den Scissor Sisters nur die Leute da waren, die unbedingt die Band sehen wollten. Die Scissor Sisters waren gut wie immer, allerdings war die Show weniger explizit als noch vor einem Jahr auf dem SonneMondSterne, dafür war das Outfit von Jake Shears sensationell toll und eng. Nach so viel Popmusik hatte ich keine Lust mehr auf Wir Sind Helden, so dass ich in Ermangelung von Alternativen bei Dragonforce landete, die wie ich einem T-Shirt entnehmen konnte, immerhin beim Wacken 2005 auf der True Metal-Stage spielen durften (übrigens Riesen-Film: Full Metal Village), wie ich einem T-Shirt entnehmen konnte. Naja. Zum Abschluss des Tages kamen dann endlich Megadeth, die trotz endloser Umbaupause einen sehr schlechten Sound hatten.
Sonnabend begann mit der Schwimmbad-Odyssee, weswegen ich The Cribs verpasste, ebenso wie The Cat Empire. Aber The Hives als Auftakt sind ja auch immer wieder schön. The Hives sind neben Turbonegro sowieso die beste Festivalband, weil die zu jeder Tageszeit funktionieren. Danach ging es zu Maxïmo Park, die sehr, sehr gut waren. Vor der Bühne war der beste Moshpit, in dem ich seit Jahren war. Ein absolutes Highlight. “Die haben schon einige Hits” trifft es ganz gut. Abends ging es dann weiter mit Muse, die irgendwie bei Tageslicht nur halb so eindrucksvoll sind, aber trotzdem sehr gut waren. Dann die Flucht vor der Nu Metal-Boygroup Nr. 1 Linkin Park zur Alternastage, wo leider Emo-Boygroup Nr. 1 My Chemical Romance noch 20 Minuten kalkulierte Emotionen darbrachte. Brrr. Geschickterweise hätte man Muse auf der Alternastage spielen lassen sollen, um das Line-Up des Grauens Billy [no] Talent, MCR und Linkin Park hintereinander auf einer Bühne spielen zu lassen. Oder vielleicht auch gleichzeitig, egal, nur bloß nicht in meiner Gegenwart. Weiter ging es jedenfalls mit den Arctic Monkeys, die leider etwas wenig Bühnenpräsenz hatten, was aber die Leute nicht davon abhielt, zu den Songs zu feiern. Und war es vorher schon recht voll gewesen, wurde jetzt der Platz bis auf den letzten Quadratmillimeter gefüllt, denn die White Stripes traten nach reichlich langer Umbaupause auf. Hurra! Endlich mal eine Band, die ich noch nie vorher gesehen hatte. Es gab Hits (Hotel Yorba, Jolene, Black Math, I don’t know what to do with myself, und klar, Seven Nation Army) und neue Songs und Gitarrengeschrammel als Überleitung zwischen den Songs, was meistens recht fein war, mich allerdings zu ersten Stoßgebeten veranlasste, dass die Smashing Pumpkins am nächsten Tag auch noch was anderes als Billy Corgan-Gitarrensolos spielen würden… Danach die Flucht vor Evanescence, die sich ein ganz klein wenig schwierig gestaltete, denn plötzlich fiel doch auf, dass dieses Jahr 20.000 Menschen mehr da waren, die auch alle vor Evanescence flohen.
Sonntag: Der Tag begann mit abgebrannten Dixi-Klos und eiskalten Duschen (Haldern-Style). Musikalisch gab es zum Frühstück Fair To Midland, die genauso langweilig wie ihr Name waren und dann die Fratellis, die erstaunlich gut waren und auch jede Menge fröhliche Fans dabei hatten. Danach gab’s eine gute Sudafed, die meine Festivalerkältung erfolgreich beseitigte, so dass meine Vorfreude auf die Smashing Pumpkins zurückkehrte. Nach dem Mittagessen ging es zu den Kaiser Chiefs, die ich mittlerweile leider nicht mehr ertrage, mal von “I predict a riot” abgesehen (und da bevorzuge ich die Girls Aloud-Version). Mando Diao danach waren zum ersten Mal (von vier Auftritten, die ich mittlerweile gesehen habe) unterhaltsam und gut, was aber auch an dem relativen Mangel an kreischigen Mando Diao-Mädchen und der sehr guten Security vor der Bühne gelegen haben kann. Der Einlass in den Teil zwischen Bühne und Crowdbreaker war bestens organisiert und funktionierte exzellent. Dadurch war es bei den Beatsteaks auch sehr angenehm vor der Bühne, obwohl exzessiv rumgesprungen wurde. Mal von den beiden deutschen Liedern abgesehen waren die Beatsteaks super, und mein T-Shirt danach klatschnass.
Dann wurde endlich, endlich für die Smashing Pumpkins aufgebaut und endlich tauchten ein paar Menschen in Zero-T-Shirts auf. Hurray. Dann nach 6 1/2 Jahren- Die Rückkehr der Smashing Pumpkins. Der Auftritt begann sehr erfreulich mit “Tonight, Tonight”. Zu meinem großen Erstaunen wirkte die Band auch wirklich wie eine Band, nicht nur wie eine Ansammlung von Mietmusikern. Sollte es also wirklich nochmal funktionieren? Die neuen Songs klangen vielversprechend, vor allem im Vergleich zum Billy Corgan-Soloalbum, was ich genau einmal unter Schmerzen gehört habe. Rausch, Wahnsinn, Maßlosigkeit? Klar, alles dabei, aber auch ein Gitarrensolo für den neuen Gitarristen und ein Bass-Solo für die neue, sehr gute Bass-Frau, die sogar etwas singen durfte. Außerdem genauso exzessives Crowdsurfen wie früher. “Do you wanna go for a ride?” Oh yeah. Nach fast allen Über-Hits und sehr vielen neuen Songs gings dann in die Zugabe, die mit “Cherub Rock” sehr vielversprechend begann. Dann allerdings wurde es sehr bizarr. Die Bühne betrat ein in blauen Crash-Samt gewandeter Mann mit langem grauen Haar (mit Stirnband, klar) und einer Gitarre und fing an, zusammen mit Billy Corgan rumzugniedeln. Der neue Gitarrist hatte da schon unbemerkt die Bühne verlassen. Das Publikum erstarrte. Mir fielen die Gerüchte um eine Scorpions-Kollaboration wieder ein. Fast richtig geraten übrigens: Es handelte sich bei dem Langhaarigen um Uli Jon Roth (bitte Website beachten). Nach ca. 5 Minuten gab es eine Welle von Applaus, der aber das Solo-Gegniedel leider nicht beendete, danach lichteten sich die Reihen. Diese klugen Menschen hatten geahnt, was jetzt noch kam: Ein Mann, der auf der ersten Blick wie H.P. Baxxter von Scooter oder wie Farin Urlaub aussah, betrat mit Gitarre die Bühne (es war übrigens Rudolf Schenker von den Scorpions) und mein Gehirn verabschiedete sich endgültig. Jaaa, mehr Gitarren-Gegniedel. OMG. Wanking off in public, indeed. Nach freundlich geschätzten 15 Minuten war es dann endlich vorbei und erleichterter Applaus verabschiedete die Band. Plötzlich war ich sehr froh, keine Karte für das Konzert in Berlin gekauft zu haben. Zum Schluss noch eine Runde Extra-Applaus wie Billy Corgan, der bei solchen Gelegenheiten immer wie Jack Skellington aus Nightmare Before Christmas wirkt (oder generell wie jemand, der aus einem Tim Burton-Film entlaufen ist) und alles war vorbei. Naja, noch etwas Slayer zur Erholung und ca. 100 nett-verrückte Menschen, die “Folgt dem Stuhl” brüllend über den Campingplatz prozessierten, was nur halb so bizarr wie die Zugabe der Smashing Pumpkins war.
Fazit? Gut, aber…