Meine zweite Berlinale (hier ist der Bericht vom letzten Jahr), diesmal mit anderen Kinos (International, endlich!) und weniger Stress dank besserer Planung. Wenn man erstmal verstanden hat, dass es illusorisch ist, mehr als 3 Filme pro Tag zu sehen, wenn man nicht im selben Kino bleiben will, und schweren Herzens interessant klingende Filme von der Liste gestrichen hat, schafft man es sogar, zwischendurch den dringend benötigten Kaffee zu trinken und etwas zu essen. Dass das dann trotzdem Fast Food ist, nun ja, das lässt sich leider nicht ändern. Immerhin, ich hatte am Sonntag sogar Natto in einem ansonsten eher unspektakulären japanischen Restaurant in Mitte (und ja, ich wurde gefragt, ob ich wisse, was ich da bestellen würde…), und das ist ja bekanntermaßen so gesund, dass es all den Schrott der letzten Tage ausgleicht.
Nun aber zu den Filmen:
Megane (Cinestar): Nicht hungrig zu empfehlen, denn es wird eigentlich ständig gegessen. Oder aufs Meer gestarrt. Oder beides gleichzeitig. Ein sehr entspannender, geradezu meditativer japanischer Film über die Wichtigkeit des Nichtstun. Und des gemeinsamen Essens. Überhaupt, Essen. Ich werde schon beim Gedanken an den Film hungrig.
Transsiberian (Colosseum): Ich hasse, hasse, hasse diesen Film. Dieser Film ist so dümmlich*, dass er mir Schmerzen beim Zusehen verursachte. Wenn ich nicht in der Mitte des sehr großen Kinos gesessen hätte, wäre ich zum ersten Mal in meinem Leben mitten im Film aus dem Kino gegangen. Besonders hassenswert neben dem Eso-Gebrabbel, dem Avril Lavigne-Clon und der Ansammlung an Klischees: Der grauenvoll offensichtliche Drogen-Plot**(sehr einfallsreich den Schmuggler Carlos zu nennen, als gäbe es keine anderen spanischen Namen) und die völlig fehlbesetzte Emily Mortimer als ultra-naive ehemalige Alkoholikerin, die 10 Jahre lang durch die Gegend gezogen und nirgendwo länger als 7 Tage verblieben sein will, dabei allerdings so dermaßen wenig Menschenkenntnis mitgenommen hat, dass man leider vermuten muss, dieses Rumziehen hätte sich auf von der Upper East Side nach Greenwich Village nach Long Island und wieder zurück zur Upper East Side beschränkt, in einem Auto mit Chauffeur, einem phillipinischen Hausmädchen und Daddys Kreditkarte. Selbst die lobotomierten RomCom-Blondchen haben mehr street smarts als diese Person.
3 Dias- Before The Fall (International): Ich wollte diesem Film nur sehen, weil ich unbedingt einmal ins Kino International wollte, das wirklich den Besuch lohnt. Der Film war eine etwas gewollte Mischung aus Weltuntergangsdrama und “Killer kommt aus Gefängnis frei und hat noch eine Rechnung offen”. Wenn man mal die Frage ignoriert, warum man die letzten drei Tage der Welt damit verbringen sollte, sich in der Einöde vor einem Killer zu verstecken, anstatt noch einmal alles zu genießen, was die Welt so zu bieten hat, dann ist der Film unterhaltsam und spannend.
Gegenschuss- Aufbruch der Filmemacher (Cubix): Das erste Highlight. Ich hatte bisher kein Interesse, mich mit Filmemachern wie Rainer Maria Fassbinder und Alexander Kluge auseinander zu setzen, weil ich die Befürchtung hatte, dass deren Filme unglaublich schlecht gealtert seien (so ähnlich wie bei manchen Platten aus den 70ern, wo man heute nur noch die schlechte Produktion und die schlimmen Keyboards hört). Diese sehr witzige und unterhaltsame Dokumentation hingegen hat mich immerhin dazu gebracht, fast alle verfügbaren DVDs auf meine Amazon-Ausleih-Liste zu setzen und darüber zu fluchen, dass keine Filme von Uwe Brandner und Thomas Schamoni erhältlich sind. Selbst “Die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter” von Wim Wenders hätte ich ausgeliehen, wenn dies möglich gewesen wäre. Wim Wenders! Mein Kino-Trauma Nr. 1! Und dann noch das schönste Zitat: Das Kino ist das Größte, auch wenn wir begreifen müssen, dass es vielleicht nicht so war (Serge Daney).
Boy A (Colosseum): Focking amazing. Mein diesjähriger Gewinnerfilm. Ich kann immer noch nicht glauben, dass dieser wunderbare Film wirklich ein Fernsehfilm von Channel 4 ist. Ein subtiler Film(für einige Kritiker zu subtil) mit exzellenten Schauspielern. Ein wenig an den Schluss von A Clockwork Orange erinnerend geht um einen jungen Mann, der nach einem langen Gefängnisaufenthalt für eine grausame Tat, die er als Kind begangen hat, wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden soll. Der Film spielt in Manchester (hurra!) und entsprechend schön (bzw. schwer verständlich, je nachdem) sind die Dialekte der Darsteller. Oh ja, die intensive Beschäftigung mit britischer Musik hat durchaus ihre Vorteile, wenn es um das Verstehen von Dialekten geht… Ich wünsche dem Film einen allgemeinen Kinostart (was aufgrund des digitalen Formats eher unwahrscheinlich ist), oder zumindest einen guten Sendeplatz in der ARD (mit Wiederholungen auf arte und DVD-Veröffentlichung).
Man Yeuk (Sparrow) (Urania): Hong Kong! Johnnie To! Regenschirme! Eine gelungene Action-Komödie, wenn das Wort “Action-Komödie” nicht genauso beleidigend ist wie “RomCom” wäre. Johnnie To gelingt mit Man Yeuk das Kunststück einer federleichten Gangsterfilm-Parodie, die weder peinlich noch langweilig ist.
Sweet Food City (Cubix): Experimentalfilm + weiche Sitze + Schlafmangel: eine gefährliche Mischung. Ich gebe zu, ich habe Teile des Films verschlafen und die Untertitel waren auch nur bedingt hilfreich. Trotzdem ein interessanter, halbdokumentarischer Film über den Verfall eines Neubau-Viertels in Dalian in Nordchina und endlich mal ein ganz anderer Blick auf China. Ohne das Regisseurgespräch hätte ich den Film wohl nicht ganz verstanden. Das war allerdings wirklich gut, wenn auch ein wenig peinlich***, wie immer, wenn chinesische Regisseure in Deutschland auftreten.
Otto; or, up with Dead People (Cinestar): Seit “Durch die Nacht mit Jörg Buttgereit und Bruce LaBruce” liebe ich Bruce LaBruce. Und Otto… zeigt, dass er nicht nur ein liebenswerter Mensch ist, sondern auch noch ein guter Filmemacher. Ich hatte Horror-Trash erwartet, bekam aber ein warmherziges Low Budget-Movie über das Filmemachen (und Kunstblut und Gedärme). Und Bruce LaBruce danach noch im Regisseursgespräch! ❤
*Ich überlege noch, wie viel schlimmer die Hassfilme L. A. Crash und Princess waren. Allerdings treiben diese Überlegungen meine Gehirnzellen in den kollektiven Selbstmord.
**Und ich fand schon Traffic scheiße. Meine Güte, gegen diesen Dreck ist Traffic in der Tat das subtile Oscar-preisgekrönte Meisterwerk, für das Traffic vom Rest der Welt gehalten wurde.
*** Ohne die eklatanten Menschenrechtsverletzungen in China kleinreden zu wollen, ist ein Regisseursgespräch nicht der richtige Zeitpunkt, um diese Dinge anzusprechen, insbesondere wenn man sich überlegt, was es für Konsequenzen für den Regisseur haben könnte, wenn er sich kritisch äußert. Und vor allem gibt es keinen Grund, solche Fragen auch noch so arrogant vorzutragen.