insbesondere solche, die kommerziell erfolgreiche Dokumentationen planen und drehen (Themenschwerpunkte: Essen, USA-Bashing oder die Kombination von beidem)- wenn ihr euer Publikum zum Nachdenken anregen wollt, dann dreht doch bitte, bitte, bitte Filme, die wirklich zum Nachdenken anregen und nicht einfach nur eure Meinung einhämmern. Oder warnt mich vorher, dann gucke ich was anderes.
Aktuelles Beispiel: “We Feed The World” - Ist ja alles gut und schön, was mir in diesem Film mitgeteilt wird, aber was sollen zwischendrin Szenen mit Menschen in einem Slum, die mit aus Plastikkanistern gebauten Musikinstrumenten vor Hütten aus Plastikplanen sitzen, bei denen man nicht erkennt, wo auf der Welt das sein soll. Waren das nun arme Bauern in Senegal, illegale Einwander in Spanien oder Archivmaterial, das auch für einen beliebigen “Spenden Sie jetzt!”- Werbefilm benutzt werden könnte? Ohne weiteren Kommentar erzeugen solche Szenen nur ein diffuses Mitleidsgefühl beim Zuschauer, das nichts mit dem Film zu tun hat- beziehungsweise bei mir Aggressionen gegenüber den Filmemachern.
Auch die grundsätzliche Ablehnung von Industrie bzw. die sinnfreie Kategorisierung in “biologisch” und “nicht-biologisch” (auch gentechnisch veränderte Pflanzen leben noch und sind somit “biologisch”) war mehr als anstrengend. Mal ganz ehrlich, liebe Filmemacher, wollt ihr wie die so im Film als Vorbilder bejubelten rumänischen Bauern mit eurer gesamten Familie über die Felder kriechen? Oder würdet ihr euch nicht auch so bald wie möglich einen Mähdrescher kaufen? Nicht jeder technische Fortschritt ist doch gleich das Ende der Welt. Aber Differenzierung ist ja scheinbar nicht massenkompatibel. Und auch wenn man mit dem aktuellen Stand der Landwirtschaft 12 Milliarden Menschen ernähren könnte, mit dem Stand von vor 100 Jahren könnte man eben noch nicht mal ein Viertel davon ernähren.
Und wie sieht das überhaupt aus mit dem Recht auf Bildung? Warum ist es eigentlich besser, wenn ein rumänische Großfamilien mit den Mitteln aus dem vorletzten Jahrhundert Bio-Gemüse für den europäischen Markt produzieren, als wenn deren Kinder zur Schule gehen? Denn, liebe Filmemacher, auch wenn in Rumänien die Löhne sehr niedrig im Vergleich zu denen in Österreich sind, rentabel waren Bauernhöfe immer schon nur, weil die gesamte Familie mitgeholfen hat. Also, warum ist es besser, wenn die rumänischen Kinder eure Zwiebeln aus dem Boden holen? Weil sich dann der europäische Verbraucher über seine “echten” Produkte freuen kann? Weil die Pferde so niedlich sind? Weil das alles so aussieht wie in irgendeinem Kostümfilm? Ist das alles nicht noch wesentlich ausbeuterischer, verlogener und kolonialistischer als diesen Menschen Technik, Düngemittel und Samen zu verkaufen?
Und warum hat eigentlich niemand den UNO-Beauftragten gefragt, warum er nichts gegen das tut, was er anprangert? Gerade wo doch die Zentrale des angeblichen Urbösen, Nestlé, nun in nächster Nähe ist?
Überhaupt, die Nestlé-Episode. Mir sind Leute bekannt, die wegen dieser Episode versucht waren, nichts mehr dort zu kaufen, was mir aber seit dem Film völlig unbegreiflich ist. Ähnlich wie “Bowling For Columbine” nach guten Ansätzen beim Charlton Heston-Interview scheitert, scheitert auch “We Feed The World” endgültig beim Interview mit dem Nestlé-Konzernchef. Der Film unternimmt leider keinen Versuch, sich mit den Antworten auseinander zu setzen.
Nicht, dass es nicht genug an Nestlé zu kritisieren gäbe: Ich hasse diese ganzen Maggi-Fix-Sachen und ich hasse all diese Firmen dafür, dass sie ihre Produkte mit Geschmacksverstärkern und ähnlichem Blödsinn vollstopfen, gegen den ich allergisch bin, aber wurde das diskutiert? Nein. Stattdessen ein paar unzusammenhängende Statements (zu denen die Fragen nicht zu hören waren, was ich eh immer dubios finde), die zum Teil gar nicht so blöd sind.
Beispielweise die Sache mit dem Trinkwasser- klar kann man es so verstehen, als wolle Nestlé Menschen, die unter Wassermangel leiden, abgefülltes Wasser (zu horrenden Preisen, klar) verkaufen und natürlich geht es nicht an, dass sehr viele Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, aber andererseits zeigt das Beispiel DDR, dass mehr oder weniger kostenloses Wasser in Ländern mit mehr als ausreichendem Wasservorkommen die Leute dazu bringt, Wasser massiv zu verschwenden. Zu DDR-Zeiten betrug der Pro-Kopf-Verbrauch an quasi-kostenlosem Wasser 300 Liter pro Tag, heute sind es nur noch ca. 80 Liter, mit denen jeder normale Mensch problemlos auskommt. Also ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass Wasser Geld kostet.
Auch finde ich es sehr gut, dass in Lagerhallen fast alles automatisiert ist- warum sollen dort Menschen sich ihre Gesundheit ruinieren, in dem sie Sachen durch die Gegend schleppen? Am Besten noch komplett ohne technische Hilfsmittel, damit da möglichst viele Arbeit finden?
Es mag meiner widerborstigen Natur geschuldet sein, aber bei mir hat der Film leider genau das Gegenteil des gewünschten Effekts ausgelöst, wobei mir auch immer noch nicht ganz klar ist, was der Film vermitteln wollte, außer dass Konzerne, die EU, Freihandel und ähnliches ganz schlimm sind. Da waren ja Robin Wood und andere 90er Jahre Öko-Terroristen noch subtiler. Morgen kaufe ich mir erstmal ein völlig überteuertes Stück Cadbury-Schokolade, in der Hoffnung, dort gen-manipuliertes Sojazeug drin zu finden.
Ach ja, und nur halb-zusammenhängend, aber ich bin ja gerade dabei mich aufzuregen, lieber (Spielzeug-)Einzelhandel, ich bin nicht unbedingt motivierter, nicht bei Amazon zu bestellen, wenn sich solche Dialoge ergeben:
Ich: Haben Sie die Nachfüllpackung für die Button-Maschine?
Frau: Ist aus.
Ich: Kommt das mal wieder rein? Vielleicht noch vor Weihnachten?
Frau: Ne. Irgendwann eben. Gibt’s momentan nicht. [Amazon liefert in 24 Stunden.]
Ich: Kann ich das vielleicht bei Ihnen bestellen?
Frau: Nein, das kommt halt irgendwann wieder.






